Abraham Sutzkever
Abraham Sutzkever

 

(Quelle und © WDR Köln, Sendemanuskript Hörfunk WDR 3, Forum Literatur, Sendung v. 19.01.1999 Autor: Kurt Kreiler)


 

Geboren wurde Abraham Sutzkever am 15. Juli 1913 in Smorgon, einer kleinen litauischen Stadt südwestlich von Wilna. 1915, im zweiten Jahr des Ersten Weltkriegs, vertrieben die Russen anderthalb Millionen Ost- Juden als potentielle "deutsche Spione" aus ihren Städten und Dörfern. Die Juden Smorgons mußten innerhalb von 24 Stunden ihre Häuser verlassen, die anschließend geplündert und von den Kosaken niedergebrannt wurden. Die Eltern ließen sich nieder in dem von Seuchen und Bürgerkrieg heimgesuchten Omsk, der Hauptstadt West- Sibiriens.

Der Knabe, "Abrasha" genannt, erlebt Sibirien als ein in Eis erstarrtes Eden - für den Dichter ist die Erinnerung an seine sibirische Kindheit ein bleibender Quell der poetischen Inspiration, ein Traum, überwölbt von Licht und Farbe, durchzogen von den Klängen, die sein Vater der Geige entlockte. Mitten in Krieg, Vertreibung und Armut erlebt er ein Königreich.


Der junge Sutzkever hatte ein polnisch-jüdisches Gymnasium besucht, war Mitglied einer jüdischen Pfadfindergruppe geworden und fand über deren Gründer, den Linguisten Dr. Max Weinreich, Zugang zu dem "Jidischn Wisenschaftlechn Institut" - YIVO -, an dem er Jiddisch studierte. Er wurde vertraut mit der russischen symbolistischen Literatur, las Puschkin und Mandelstam, die polnischen Romantiker und Edgar Allen Poe. Unter den jungen Schriftstellern Wilnas galt er als Individualist. 1935 erschien sein erster Gedichtband, überschrieben "Lider".

Die folgenden Zeilen entstanden 1939, kurz vor seiner Hochzeit mit Freydke.

Du siehst

das leere Nest auf der Straße?

Seine Bewohner, seine Bewohner sind davon.

Der Wind nahm es mit - und ließ es liegen.

Und du, dessen Zuhause die Nacht ist,

fandest ein Nest, warm und weich.


Im September 39 brach der Zweite Weltkrieg aus. Sowjetische Besatzung und eine kurze Spanne der Unabhängigkeit Litauens lösten einander ab. Aus Polen kamen jüdische Flüchtlinge ins Land, die Schreckliches berichteten. Sutzkever gelang es, Anfang 1940 seinen zweiten Gedichtband "Waldiges" zu veröffentlichen. Es ist eines der letzten jiddischsprachigen Werke, die auf dem Kontinent gedruckt wurden.

Gras und Blumen

lösen sich in Tropfen und Tau.

Bäume schlafen

ausgestreckt auf dem Grund.

Nur ihre Schatten wachsen.

Kühl und weich ist die Luft

wie trockenes Wasser ...

Wenn jemand schriee jetzt,

würden die Himmel

in kosmischer Panik weichen.


Am 22. Juni 1942 überfiel Hitlerdeutschland die Sowjetunion und zwei Tage später wurde Wilna besetzt. Die Hölle begann.

Unter deutscher Regie durchzogen Schlächterbanden litauischer Nationalisten das Land und veranstalteten ein grauenhaftes Blutbad unter der jüdischen Bevölkerung. In der Vorstadt von Ponar wurden über 100 000 Juden aus Wilna und den Provinzen gemordet.

Abraham Sutzkever versteckte sich im Hohlraum unter dem Kupferdach eines Hauses und schrieb dort in fieberhafter Eile Gedichte.

Die beschriebenen Blätter wurden später von seiner Frau im Ghetto versteckt - und nach 49 Jahren wiedergefunden.




Ich wärme Tee mit deinen Briefen

mein einziger Schatz

dünne Blätter von Asche bleiben

von Glühwürmern übersprenkelt

die ich allein lesen kann, fragen kann:

wärme ich Tee mit deinen Briefen,

meinem einzigen Schatz?


Laß den Wind still sein wie ein Grabstein!

Laß meinen Schatten stillstehn!

Ein Hauch -

und all deine heilende Schönheit

erregt Neid

auf allen Straßen.

Wie lieb bist du mir in Blättern von Asche,

wie leuchtend stirbst du in Blättern von Asche,

die ich allein lesen kann, fragen kann:

wärme ich Tee mit deinen Briefen,

meinem einzigen Schatz?



Sutzkever schloß sich jüdischen Arbeiterbrigaden an, versteckte sich an verschiedenen Plätzen, wurde im September 41 von Litauern gezwungen, sich sein eigenes Grab zu schaufeln, stand vor den Gewehren - er hatte sich die Hände vors Gesicht zu halten, sah mit geschlossenen Augen den Flug von Vögeln, nie hatte er Vögel so langsam fliegen sehen - dann schossen die Wachen über seinen Kopf hinweg.

Im Ghetto, in das man ihn brachte, fand er seine Frau und die Mutter wieder. Während der folgenden Selektionen gelang es ihm zu fliehen, seine Mutter hatte er in einem Versteck im Ghetto untergebracht.

Als er wiederkam, war sie verschwunden. Der Unterschlupf war entdeckt worden.

Abrasha sucht das Zimmer auf, in dem sie zuletzt gewohnt hat.



Ich berühre den Türknauf und öffne

die Tür zu deinem Leben.


Als ob ein kleiner Vogel schreit

im Käfig meiner Finger.

Ich gehe in das nackte Zimmer,

in das Dunkelwerden deines Traums.


Noch glimmt die Lampe,

die du entzündet hast.

Am Tisch ein Glas Tee,

das du nicht zuende getrunken.


Deine Finger klopfen noch

an seinen silbernen Rand.


Die Zunge des Lichts, um Gnade bittend,

in der flackernden Lampe.

Ich fülle in die Lampe mein Blut

so wird sie nicht aufhören zu scheinen.


Im Ghetto herrschte "Geburtenverbot". Als Freydke Anfang 1942 im Ghettohospital einen Sohn gebar, töteten die Deutschen das Kind durch eine Spritze.

Abraham Sutzkever hält sich schreibend am Leben. "In der Stille schlüpfen die Wörter", wie er in einem seiner magischen Prosastücke später sagen wird.


Sutzkever schreibt in Jiddisch: (anschließend die deutsche Übersetzung)

„In ejnem a tog fun der schchite-tsajt bin ich gezesn in a tunkl chejderl un geschribn. Glajch der malech fun schire wolt mir fartrojt: »In dajne ejgene hent iz di brejre. Wet dajn gezang mich bagajstern, wel ich baschitsn dich mit a flamiker schwerd, ele nit - zolstu nit hobn kejn tajne ... Majn gewisn wet blajbn rejn«.


"An einem der Tage in der Zeit des Abschlachtens saß ich in einer dunklen Kammer und schrieb. Als hätte der Engel der Dichtung mir anvertraut: 'Du hast es in der Hand. Wird dein Gesang mich begeistern, werde ich dich beschützen mit flammendem Schwert, falls nicht sollst du dich nicht beklagen ... mein Gewissen bleibt rein.'

Ich fühlte mich in der Kammer wie die hängende Zunge in einer Glocke. Eine Berührung, ein Zucken - und die Glocke beginnt zu läuten.

In der Stille schlüpften die Wörter."


[...]