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Müller - Antigone
Oskar Lafontaine und Christa Müller sind zum Sündenbock bzw. zur Sündenziege
der deutschen Mediendemokratie avanciert
Im Schatten des Schattens
Plötzlich sind sich Bild und Bunte, Spiegel und Süddeutsche einig wie selten,
daß diese neue Regierung schon jetzt versagt hat, hoffnungslos zerstritten ist
etc. pp. Der Hauptschuldige, auch da sind sich alle einig, heißt Oskar Lafontaine:
"Die Machtmaschine" (Die Woche), "Schröders roter Schatten" (Der Spiegel), "der
Weltverbesserer" (Stern), "The Man to See" (Newsweek), "der Souffleur" (Der
Spiegel). Vergessen wir mal die dahinterstehenden politischen Themen - Steuerreform,
Zinssenkung, Wechselkurse - und schauen uns die Sprachbilder an. Bilder mit
mächtiger Suggestionskraft , direkt aus der Hexenküche der klassischen Verschwörungstheorie:
Lafontaine, der rote Teufel, undurchsichtig, machtbesessen, eiskalt, will die
Welt nach seinem Willen und seiner Vorstellung formen.
Verschwörungen kann man aber nicht allein veranstalten. Mit irgendwem muß er
doch den Satansschwur abgelegt haben? Richtig! Mit Christa Müller! Die ist nicht
nur "der Schatten des Schatten des Kanzlers" (Die Zeit), sondern zudem attraktiv,
selbstbewußt, intelligent. Aber die deutsche Journaille , allen voran Die Wirtschaftswoche,
entlarvte die Hexe: Die Ökonomin sei schon im Saarland "nicht als Landesmutter
aufgetreten", schreibt sie in ihrem Dossier über Lafontaines "Küchenkabinett"
(sic!) , schließlich sei sie eine seiner wichtigsten "Berater oder ,Büchsenspanner
`". Büchsenspanner? Ach so: Sie versuche, "die Frankfurter Bundesbank gemeinsam
mit ihrem Mann mit einem Sperrfeuer von Vorwürfen sturmreif zu schießen". Klarer
Fall von Flintenweib .
Was sind denn das für Phantasien? Warum haben erwachsene Männer so etwas nötig?
Erster Erklärungsversuch: Hier geht es um knallharte Wirtschaftsinteressen.
[...]
Zweiter Erklärungsversuch: Mit Kanzler Kohl war die Welt noch in Ordnung. Er
war gemütliche Autorität, Regierungschef und Parteichef, alles in einer Person.
Doch das Duo Schröder/Lafontaine irritierte die vorwiegend männliche Politjournaille
vom ersten Tag seines Bestehens. Einer muß doch der Chef sein! Das muß doch
eine unerträgliche Konkurrenz sein! Ist doch klar, daß Lafontaine lieber EU-Ratspräsident
werden will, wo er doch schon nicht Kanzler werden durfte! Alles, was kleine
Jungs schon auf dem Schulhof über männliche Hierarchiebildung lernen, wird nun
auf die beiden projiziert. "Der Kanzler und sein Schatten" titelt der Spiegel
und fragt: "Doch wie lange hält die Partnerschaft des Spitzenduos? Wann endet
die schwer erträgliche Harmonie und beginnt der offene Kampf um die Macht?"
"Schwer erträglich" ist die Harmonie also. Wobei sich in den Zeiten der Mediendemokratie
die Frage, wie sich die beiden wirklich vertragen, irgendwann ins rein Theoretische
verflüchtigt. Wirklich ist das, was die Medien nur lang genug behaupten. Daß
Lafontaine von der Presse genervt ist, beweist ihr wieder nur, daß sie recht
hatte.
Dritter Erklärungsversuch: Mit der Hexisierung Christa Müllers werden weibliche
Machtansprüche abgewatscht . Rot-Grün ist immerhin vor allem von weiblichen
Wählern an die Macht gehievt worden - nicht nur, aber nicht zuletzt in der Hoffnung
auf mehr und bessere Politikerinnen in Spitzenpositionen. Doch so schnell, wie
die Männer die höchsten politischen Posten unter sich aufteilten, konnten die
Frauen gar nicht gucken. Nun aber wird dem staunenden Publikum suggeriert :
Hier ist sie doch, eure deutsche Hillary -Müllery, die wirkliche Kanzlerin,
die ihre Puppe Oskar tanzen läßt - und der wiederum seine Puppe Gerd. [...]
Christa Müller ist eigentlich die Zurückhaltung in Person. Sie, die das Zeug
hätte, selbst Ministerin zu werden, hat geradezu klassisch zugunsten ihres Mannes
auf ihre eigene Karriere verzichtet, "weil sofort der Verdacht aufkäme, mein
Mann hätte mich protegiert ".
Daß sie dennoch den Fehler beging, in zwei Talkshows aufzutreten und die Senkung
der Bundesbankzinsen zu fordern, wird sie inzwischen selbst bitterlich bereut
haben. Denn danach stand die Medienwelt kopf: "Jetzt redet sie schon im Fernsehen
mit!" (Bild), "Wird Deutschlands Finanzpolitik im Ehebett entschieden?" (BZ),
"Machtgelüste!" (Süddeutsche).
In der Bunten regt sich Soziologieprofessor Alexander Schuller darüber auf,
daß sich Frau Müller auch nach ihrer Heirat weiter Frau Müller nennt: "Sie ist
damit nicht Teil jener Gemeinschaft, die man Ehe nennt, sondern sie nimmt nur
teil an ihr... Ehe ist dann wie Busfahren. Mal bin ich drin, mal bin ich draußen...
Daß einige... Frauen nicht mehr den Namen ihrer Ehemänner tragen, ist... das
Programm zur Entfesselung der Ehe." Müllers Fernsehauftritt sei ein "Skandal"
gewesen: "Die Lafontaines haben Ehebett und Amt, Privates und Öffentliches vermengt.
Das nennt man - mit Verlaub - Korruption."
Mal bin ich drin, mal bin ich draußen beim Verkehr, Entfesselung, Ehebett, Korruption
- mit Christa Müller droht offenbar nichts weniger als die Verhurung der Nation.
Ute Scheub [gekürzt aus: die tageszeitung vom 23. Nov. 1998]