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Die Rahmenbedingungen griechischer Tragödien zur Zeit der "Antigone"
[Quelle: mit Überschriften versehen und leicht verändert aus: Wolfgang Rösler, Zweimal Antigone: griechische Tragödie und episches Theater, Der Deutschunterricht, 1979, Heft 6, S. 42 ff]
Dionysien
Tragödienaufführungen waren Teil eines bestimmten, jeweils im Frühjahr (März/ April) abgehaltenen Festes, der 'Großen' oder 'Städtischen Dionysien', das vom Archon epónymos, dem ranghöchsten Beamten Athens, persönlich geleitet wurde.
"3-Tage-Fete"
Die Tragödienaufführungen nahmen drei Tage ein, sie waren umrahmt von Prozessionen, Opferhandlungen, anderweitigen poetischen Darbietungen (zu denen auch Komödien gehörten) und einer abschließenden Volksversammlung. Aufführungsort war das Dionysos-Theater am Südhang der Akropolis. Hier befanden sich die kreisrunde Orchestra und die Skené, die den eigentlichen Spielbereich bildeten; nach Norden hin lagen die Zuschauerplätze, für die die natürliche Hanglage genutzt wurde. (vgl. das Foto im Oberstufenlesebuch, S. 153)
6mal soviel Zuschauer wie in der ARENA von Oberhausen...
...und fast nur Männer!
Dem offiziellen Charakter der Veranstaltung entsprach die Publikumsbeteiligung. Zwar bezieht sich die geschätzte Zahl von 14 000 bis 17 000 Zuschauerplätzen im Dionysos-Theater auf den im 4. Jh. erfolgten Umbau; in Anbetracht identischer topographischer Verhältnisse darf jedoch bereits für die Zeit der Antigone' von einer ähnlich hohen Zahl von Zuschauern ausgegangen werden (die sich nur eben teilweise mit Stehplätzen begnügen mußten). Folgendes Rechenexempel läßt sich anstellen, das immerhin Relationen erkennen läßt: Legt man für jene Zeit eine Anzahl von etwa 40 000 attischen Bürgern und wenigen tausend Metöken (Auswärtige mit ständigem Wohnsitz in Athen), jeweils männlichen Geschlechts und im Erwachsenenalter, zugrunde und berücksichtigt man, dass (1) in Anbetracht ihrer generellen Unterprivilegierung vermutlich relativ wenige Frauen im Theater zugegen waren und dass (2) der Anteil auswärtiger Festgäste (von Sklaven ganz zu schweigen), setzt man ihn in Relation zur Gesamtzuschauerzahl, kaum erheblich gewesen sein kann, so wird im Hinblick auf die Teilnahme der männlichen freien Bevölkerung eine Größenordnung erkennbar, wie sie in neuzeitlichen Massenveranstaltungen nicht annähernd erreicht wird.
Zuschauer: die "neue Mitte" komplett!
Da zudem die bäuerliche Landbevölkerung Attikas aus mannigfachen Gründen (Unabkömmlichkeit, zu große Entfernung, Unterbringungsprobleme) innerhalb des Publikums beträchtlich unterrepräsentiert gewesen sein dürfte, ergibt sich, dass gerade jene städtische Mittelschicht von Handwerkern und Gewerbetreibenden nahezu vollzählig im Theater gewesen sein muß, die als die eigentliche Trägerin der athenischen Demokratie anzusehen ist.
Offizieller Regelung unterlag insbesondere die Dramenauswahl und -bewertung. Da nur drei Autoren mit jeweils einer Tetralogie (drei Tragödien und ein Satyrspiel) zum Zuge kamen, mußte, sofern mehr Tetralogien eingereicht waren, ein Vorentscheid erfolgen. Über die Kriterien, von denen sich die Juroren bei ihrer Entscheidung leiten ließen, sind nur Spekulationen möglich; die Annahme liegt nahe, dass ihre Urteilsbildung von den, wie man weiß, sehr heftigen Reaktionen des Publikums während und nach der Aufführung nicht unbeeinflußt blieb.
Das Bürgerrecht entscheidet über die Teilnahme als Zuschauer.
Das Publikum setzte sich, wie bereits ausgeführt, in erster Linie aus attischen Bürgern zusammen -Bürgern einer Staatsform, die mit der Kennzeichnung 'Demokratie' nur unzureichend umschrieben wird."
Attische Demokratie:
Zwar waren um die Mitte des 5. Jh.s die rechtlichen Unterschiede zwischen den einzelnen Vermögensklassen weitgehend fortgefallen, so dass nunmehr, jedenfalls de jure, alle Bürger an den politischen Entscheidungsprozessen mitwirken konnten-, doch war es eben das Bürgerrecht selbst, dessen Besitz bzw. Nichtbesitz die Einwohnerschaft spaltete. Nicht nur, dass Frauen ohnehin vom politischen Leben ausgeschlossen waren und dass sich für Sklaven und auch Freigelassene die Frage einer Teilnahme gar nicht stellte; auch für bereits länger ansässige Metöken, von anderen Fremden ganz zu schweigen, gab es im Regelfall keine Möglichkeit, aufgenommen zu werden, und auch männliche Nachkommen aus Ehen attischer Bürger mit nichtattischen Frauen waren ausdrücklich vom Bürgerrecht ausgenommen.
Demokratie: Eine geschlossene Gesellschaft!
Eine geschlossene Gesellschaft also: zwar mit internen demokratischen Strukturen, nach außen jedoch dicht abgeschottet - eine Tendenz, die durch die außenpolitische Rolle Athens als Hauptstadt des Seebundes noch verstärkt wurde." Hier hatten sich die Athener längst als 'Herrschaftsvolk' konstituiert, das die Bundesstädte - notfalls mit brutaler Gewalt - zusammen- und in tributpflichtiger Abhängigkeit hielt.
Die Dionysien als politisch - gesellschaftliche Veranstaltung
Die diesem politischen System immanenten Legitimations- und Profilierungszwänge fanden nun bezeichnenderweise im Theater selbst, mithin in Anwesenheit gerade der Träger und Nutznießer des staatlichen Systems, sehr manifesten Ausdruck. Vor Beginn der Tragödienaufführungen nahm man die Auszeichnung verdienter Persönlichkeiten vor. Dann wurden - in einem emotional besonders anrührenden Akt - die volljährig gewordenen Kriegswaisen mit einer Rüstung geehrt, was zugleich die Entlassung aus der Vormundschaft des Staates ins bürgerliche Leben bedeutete.
Präsentieren der Steuern und Abgaben als Imponiergeste
Den Höhepunkt staatlicher Repräsentation stellte indessen folgendes Spektakel dar: Da um die Zeit der 'Großen Dionysien' die Schifffahrt nach der Winterpause wiederaufgenommen werden konnte und die Bundesgenossen entsprechend zu diesem Termin ihre jährlichen Tribute in Athen abzuliefern hatten, nutzte man die Gelegenheit des Festes dazu, die Tribute vor den Bürgern, aber auch in Anwesenheit der auswärtigen Delegationen auf der Orchéstra des Theaters aufzustellen: Selbstbestätigungs- und Imponiergeste in einem!
Die Antigone' des Sophokles
Nicht in sich abgeschlossene 'Welt des Dichters', sondern offizielle Institution und damit zugleich eingebettet in das System staatlicher Repräsentation und Legitimation: Dieser Status der griechischen Tragödie fand nicht allein im äußeren Rahmen und in den Begleitumständen der Aufführung seinen Ausdruck, sondern auch in den Dramen selbst. Um die thematische Tradition zu erfassen, in der sich ein Stück wie die Antigone' historisch befand, ist ein Blick auf eine Tragödie erhellend, die etwa 20 Jahre vorher ihre Aufführung erlebt hatte: die Hiketiden' des Aischylos.
Politische Absicht: Darstellung von Demokratie pur!
Inhalt dieses Stückes ist das Bemühen der Töchter des Danaos, auf ihrer Flucht vor den sie verfolgenden Aigyptos-Söhnen in Argos Asyl zu erhalten. Hierbei ergibt sich eine für die Danaiden überraschende Komplikation: Der nach ihrer Ansicht für die Erfüllung der Bitte Zuständige, der König, erklärt sich für nicht zuständig: Erst müßten die Bürger in der Volksversammlung befragt werden. Selbst insistierende Hinweise der Asylsuchenden auf seine monarchische Machtbefugnis vermögen den König nicht umzustimmen. So wird der Antrag denn den Bürgern unterbreitet und von ihnen - in einer Abstimmung -angenommen. Mit Segenswünschen für die Stadt klingt das Stück aus.
Seine entschieden demokratische Tendenz, die der vom Mythos vorgegebenen monarchischen Gesellschaftsstruktur gleichsam aufgesetzt ist, verfehlte offenbar nicht ihre Wirkung: Jedenfalls errang die Tetralogie, deren Teil die Hiketiden' waren, den ersten Preis.
Der direkten Präsentation demokratischen Gedankengutes in den Hiketiden' entspricht nun in der Antigone' eine kontrastive Vermittlung. Dabei werden von Beginn an nicht minder deutliche Akzente gesetzt.
Antigone als politisches Signal, als politisches Lehrstück
Das Verbot Kreons, den Leichnam des Polyneikes zu bestatten, das die Handlung des Stückes auslöst und das entsprechend gleich im Prolog von Antigone und Ismene beklagt wird, stellte im Horizont des 5. Jh.s keine auch nur diskutier-, geschweige denn legitimierbare Maßnahme dar, und wenn der bereits durch diesen Akt unrechter Herrschaftsausübung charakterisierte König sodann (am Anfang des ersten Epeisodions) dem Chor zu verstehen gibt, er habe ihn wegen seines erprobten Gehorsams "von allem Volk gesondert" herbeigerufen, oder wenig später (gegen Ende des ersten Epeisodions) von Reaktionen auf sein Regime berichtet: "Doch weil dies schon lange Männern / der Stadt ein Ärgernis ist, murren sie gegen mich, / die Häupter schüttelnd insgeheim, und wolln den Nacken / nicht halten unterm Joch, wie sich's gebührt", so ergab sich für die attischen Zuschauer im Dionysos-Theater ein scharfer, unüberhörbarer Gegensatz zu dem politischen System, in dem sie selbst lebten und mit dem sie sich identifizierten. Damit aber konstituierte sich die Funktion dieser Tragödie: nämlich die eines gesellschaftliches Sein reflektierenden Lehrstückes.
Lehre der Antigone:
Was aber lehrt die Antigone'? Sie lehrt, dass ein Staat, in dem die Regierung nicht demokratisch legitimiert ist, in dem keine Kommunikation zwischen ihr und der Bevölkerung besteht und insofern auch keine Möglichkeit gegeben ist, bei Fehlhandlungen (wie hier dem Verstoß gegen eine religiös fundierte Norm) korrigierend einzugreifen, in schwerste Turbulenzen gerät.
Kreon
Die mangelnde Bereitschaft Kreons, die eigene Position von anderen in Frage stellen zu lassen, sein Insistieren auf unbedingtem Gehorsam; sein Vorwurf der Bestechlichkeit gegenüber Kritikern; die aus alledem resultierende, mehrfach angesprochene Atmosphäre von Furcht und Unterdrückung, die zu durchbrechen nur wenige wagen: dies ist der Rahmen, innerhalb dessen sich die Handlung - bis zur zwangsläufigen Katastrophe - vollzieht. Als Kreon z. B. am Ende des zweiten Epeisodions das Todesurteil über Antigone bekräftigt, fragt der Chor fassungslos: "So ist beschlossen, dass sie sterben soll?- Kreon antwortet: "Bei dir wie mir!"" Der Chor hatte zuvor keinerlei Votum abgegeben; doch er läßt sich diese Bevormundung ohne Protest gefallen.
Indessen bleibt es nicht bei derartigen punktuellen Verweisen auf den Charakter des politischen Systems. Das Aufeinandertreffen von Vater und Sohn im dritten Epeisodion führt dazu, dass Haimon in einer exakten Diagnose die Merkmale der Herrschaft Kreons auch explizit beim Namen nennt, ja den Entwurf eines quasidemokratischen Gegenmodells liefert. Kreons einleitende Rede, bei aller Überakzentuierung von 'law and order' im ganzen scheinbar vernünftig, desavouiert sich dadurch, dass die von ihm gemachte Voraussetzung für seine Person gerade nicht gilt: "Nein, wen das Volk bestellt hat, dem soll man gehorchen [ ... ]".
Haimon opponiert gegen seinen Vater Kreon
Hier setzt der Widerspruch Haimons an. In der Theorie sei die Rede nicht falsch, aber die Praxis stelle sich anders dar:
"Denn schrecklich ist dein Auge dem gemeinen Mann
Bei Reden, die du dich nicht freust zu hören.
Mir aber steht es frei, im Dunkeln zu vernehmen,
Wie sehr die Stadt um dieses Mädchen klagt.
Drum trag in dir nicht Einen Sinn allein:
Dass nur wie du denkst und nichts anderes das Rechte wäre.
Denn wer nur einzig für sich selber meint, Vernunft zu haben
Und Zung' und Seele wie kein andrer - solche Leute,
Schließt man sie auf, so zeigt sich, sie sind leer.
Nein, für den Mann, wie weise er auch sei,
Ist es nicht Schande, viel zu lernen und
Nicht gar zu sehr den Bogen anzuspannen.
So ist's auch schön, von dem, der treffend spricht, zu lernen."
Dann verdichtet sich der Dialog zur Stichomythie.
"K.: Hat mir das Volk zu sagen, wie ich herrschen muß? H.: Sieh da! wie gar zu jugendlich du dieses sagst! K.: Für wen sonst als für mich soll ich dies Land regieren? H.: Das ist kein Staat, der Einem nur gehört. K.: Gilt nicht der Staat als dessen Staat, der in ihm herrscht? H.: Schön herrschtest du für dich allein im leeren Land!"
Die möglichen Reaktionen auf eine Herrschaft wie die Kreons reichen von Anpassung bis zu kompromisslosem Widerstand. In diesem Spektrum haben entsprechend die übrigen Personen der Antigone' ihren Platz; jede einzelne repräsentiert eine bestimmte, unverwechselbare Weise der Reaktion, besitzt eine spezifische Motivation.
Das eine Extrem markiert der Wächter: Er bringt die moralische Ausbeutung des Untertans zur Darstellung, den die Machtverhältnisse zum Gehorsam zwingen. Freilich haben die aus seiner gesellschaftlichen Position resultierenden Zwänge nicht zu einem völligen Abstumpfen mitmenschlichen Gefühls geführt: Bei aller Freude, sich durch die Ablieferung der 'Staatsfeindin' selbst gerettet zu haben, bleibt ihm das Problematische, Zweischneidige dieser seiner Freude durchaus nicht verborgen.
Abgesehen davon, dass dies atmosphärisch auf Kreons Regime nicht zutrifft: Er selbst hat vorher darauf hingewiesen, dass er die Herrschaft auf dem Wege der Erbfolge erlangt hat.
b) Chor
Ihm am nächsten steht der Chor, der in der,Antigone' weniger die Rolle eines repräsentativen Teils der Bürgerschaft als vielmehr jene eines von der Volksmeinung isolierten höfischen Gefolges verkörpert. Ständig hin- und hergerissen zwischen Unbehagen über die inakzeptable Maßnahme Kreons und der von ihm, dem Chor, erwarteten regimetreuen Gesinnung, findet er erst nach dem Auftritt des Teiresias zu einer eindeutigen Haltung.
Einen noch spektakuläreren Wandlungsprozeß durchläuft Ismene: Im Zwiespalt zwischen Gehorsamsverlangen des Herrschers und ihrem Status als Frau auf der einen sowie familiärem Bestattungsgebot und dem Beispiel der Schwester auf der anderen Seite fügt sie sich zunächst weltlicher Macht, um sich dann später selbst einer Tat zu bezichtigen, die sie gar nicht begangen hat.
d) Teiresias - Haimon - Antigone
Konstanten Widerstand demonstrieren hingegen Teiresias, Haimon und Antigone: der Seher in seiner Eigenschaft als 'offizieller' Theologe der Stadt, der Sohn des Königs mit politischer Argumentation, seine Verlobte in Wahrnehmung ihrer familiären Pflicht. Die teilweise geradezu schroffe Kompromisslosigkeit, die den Widerstand Antigones kennzeichnet; ihre Initiative und Energie; ihr gleichwohl ganz unheroisches Hinundhergerissensein zwischen Todesbereitschaft und Lebenswillen, wie es einerseits in der Verhörszene mit Kreon im zweiten Epeisodion, andererseits im Kommos des vierten Epeisodions und in der sich anschließenden berühmten Argumentation über den unterschiedlichen Rang von Verwandtschaftsverhältnissen seinen Ausdruck findet: Dieses komplexe Persönlichkeitsprofil Antigones begründet ihren Status als Titelfigur eines Stückes, das im ganzen ein System von Herrschaft transparent und damit analytisch erfaßbar macht.
Über die Reaktion, die die dramatische Belehrung beim athenischen Normalzuschauer hervorrief, lassen sich immerhin begründete Mutmaßungen anstellen. Die Bürger im Theater wurden durch die Präsentation eines zu ihrer eigenen Ordnung kontrastiven politischen Modells sowie der gerade aus dieser Gegensätzlichkeit resultierenden Negativfolgen in ihrer Identifikation mit dem demokratischen Status quo bestärkt. 'Bei uns ist so etwas glücklicherweise ausgeschlossen!' Ein solches Gefühl der Selbstbestätigung mochte sich beim Betrachten der Antigone' einstellen, ein Gefühl, dessen Multiplikation zugleich eine Stärkung des bürgerlich-demokratischen Zusammenhaltes innerhalb der Polis bedeutete." Tragödie als staatliche Institution: Dies war also kein äußerlicher, sondern ein inhaltlicher, ein funktionaler Zusammenhang.
Außenwirkung der Tragödie
Hierbei trat neben den internen Bezug noch eine Außenwirkung, die sich - im neutralen Sinne - als propagandistisch bezeichnen läßt: Die Delegierten aus den Seebundstädten, einflussreiche Bürger, wurden im Theater der Metropole mit demokratischer Gesinnung konfrontiert, was sie - sofern selbst Demokraten- ebenfalls als Bestärkung, andernfalls als mehr oder weniger erwünschte Werbung, schlimmstenfalls als Bevormundung interpretieren konnten. Die politische Hegemonialmacht des Seebundes stellte sich - auf dem Wege kultureller Präsentation - auch in einer ideologischen Führungsrolle dar - ein Anspruch, den die Prachtbau-ten des Perikleischen Athen unübersehbar unterstrichen. Ein Mosaiksteinchen historischer Überlieferung illustriert die Wechselbeziehung von Theater und Politik noch zusätzlich: Sophokles wurde nicht lange nach der Aufführung seiner Antigone' von der Volksversammlung (die ja mit dem Theaterpublikum personell weitgehend identisch war) in das Kollegium der Strategen gewählt. Diese hatten einen oligarchischen Putsch in Samos niederzuschlagen mit dem Ziel, das demokratische System zu restituieren.
Verschiedene Interpretationsansätze
Es bleibt am Ende dieses Abschnitts noch übrig, die hier in Ansätzen vorgelegte ,Antigone'-Interpretation kurz von anderen, bereits etablierten Interpretationen abzugrenzen.
Dass im Gegensatz zwischen Antigone und Kreon der Streit zweier gleichberechtigter Prinzipien - der "Wohlfahrt des Gemeinwesens"- und des "Familieninteresses" - angelegt sei: diese wohl nach wie vor einflussreichste Antigone-Deutung geht von einer positiven, zumindest partiell positiven Kreon-Figur aus, wie sie tatsächlich weder aus den Handlungen und Äußerungen des Königs abgeleitet werden kann noch mit dem sozial- und verfassungsgeschichtlichen Hintergrund des Stückes vereinbar ist. Ebensowenig lässt sich die Antigone' auf eine abstrakt-theologische Aussage "über den Menschen schlechthin"- reduzieren: Zwar erfährt, so betrachtet, der Gegensatz Antigone-Kreon eine eindeutige Gewichtung zuungunsten des Königs, doch bleiben sowohl zentrale inhaltliche Aspekte des Stückes - eben die politisch-gesellschaftlichen - als auch seine Historizität im ganzen ausgeklammert. Freilich läßt sich der Geschichtlichkeit der Antigone' nicht durch eine Identifizierung einzelner ihrer Figuren mit Personen der Zeitgeschichte Rechnung tragen. Dass die Gestalt Kreons auf Perikles ziele, den Sophokles mit seiner Tragödie vor Überhebung habe warnen wollen: abgesehen von speziellen historischen Ungereimtheiten gerade dieser Konstellation verengt eine solche Allegorese nicht allein die Interpretation zum Sandkastenspiel, sondern degradiert vor allem die Adressaten der dramatischen Aufführung, das Publikum im Dionysos-Theater, zu Zuhörern eines Zwiegesprächs, das sich, in dieser Weise geführt, nur als bizarrer Umweg bezeichnen ließe.