| Martin Walser:
| Unser Auschwitz (1965), Fortsetzung
|
II
Wenn die KZ-Prozesse, wie es heißt, ein Beweis sein sollen, daß wir uns nicht
scheuen, unsere Vergangenheit zu »bewältigen«, müßten sie ja irgend einen politischen
Effekt haben. Daß die Prozesse überhaupt stattfinden, ist strafrechtlich notwendig
und kein Beweis für eine politische Entkrampfung. Aber die Sorge, Sommer und
Schubert und ihre Kollegen aus Auschwitz können uns von den Staatsanwälten nur
in ihren subjektiven Taten vorgestellt werden, und die sind der Art, daß unsere
Distanz in keiner Sekunde in Gefahr ist. Wir haben von 33 bis 45 sozusagen in
einem anderen Staat gelebt als die Angeklagten.
In der Anklageschrift für den Auschwitz-Prozeß haben die Staatsanwälte eine
gründliche Fundierung aller erhobenen Anschuldigungen gegeben. Sie haben die
Täter und ihre Taten eingebettet in die Wirklichkeit des sogenannten Dritten
Reiches. Aber im Prozeß selber und in der Berichterstattung über den Prozeß
konnte von der uns alle betreffenden Wirklichkeit jenes »Reiches« nur noch dann
die Rede sein, als die Sachverständigen, die Historiker ihre Gutachten ablieferten.
Das ist verständlich, weil ja der Prozeß nur von den Taten handeln kann, für
die Täter zu finden sind. Daß aber diese Täter bis zu irgend einem Zeitpunkt
zwischen 1918 und 1945 mit uns allen verwechselbar ähnlich waren, daß sie dann
durch spezielle Umstände den Weg nahmen, der sie in diesen Prozeß führte, das
kann in einem solchen Prozeß nicht hinreichend zur Sprache kommen. Da ist die
Rede nur von Taten, die wir nicht getan hätten; entweder weil wir überhaupt
zu denen gehören, die Taten nur ermöglichen, ohne sie zu tun; oder weil wir,
als an der Ermöglichung dieser Taten gearbeitet wurde, noch zu jung waren, oder
schlau genug, uns in nutzbringender Entfernung zu halten.
Ganz ohne Zweifel ist auch, daß wir Deutschen von diesen Brutalitäten keine
Ahnung hatten. Auch das ist ein Effekt dieses Prozesses. Wir kommen auch als
Mitwisser nicht mehr in Frage. Angesichts dieser zwar systematisch vorbereiteten,
aber dann doch in gleißender Subjektivität vollzogenen Brutalitäten verlieren
wir den Rest von nationaler Solidarität mit den Tätern. Wir vergessen, sozusagen
vom Ergebnis betäubt, daß wir zumindest geduldige Zeugen waren, als sich von
1933 bis 1943 ein Schritt nach dem anderen sichtbar vor uns vollzog: Von der
»Verordnung zum Schutz von Volk und Staat« (28.2.33) zum »Gesetz zur Wiederherstellung
des Berufsbeamtentums« (7. 4. 33), zum »Gesetz
zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre« (15.9.35 ) bis
hin zu den Verordnungen, die die Kristallnacht ermöglichten, und den im gleichen
November erlassenen Verordnungen, die ihr Ziel dann anno 43 erreichten in der
»13. Verordnung zum Reichsbürgergesetz«, die die jüdischen Bürger endgültig
der Willkür der SS auslieferte. Sollten wir noch ein Gefühl dafür gehabt haben,
daß wir dieser Entwicklung zu geduldig zugeschaut hätten, dann sagen wir uns
jetzt ganz heftig: wir haben nichts gewußt.
Und tatsächlich: die monströse* Wirklichkeit
von Auschwitz darf wohl auch über die Vorstellungskraft jenes Bürgers gehen,
der geduldig zusieht, wie Juden und Kommunisten aus seiner Umgebung verschwinden.
Andererseits wäre aber der Auschwitz-Prozeß doch ein fatales Ereignis, wenn
die Ungeheuerlichkeit der Prozeß-Materie dazu führte, daß wir in Zukunft das
sogenannte Dritte Reich nur noch aus der Distanz sähen, aus der wir die Scheußlichkeiten
von Auschwitz zur Kenntnis nehmen. Man muß leider vermuten, daß wir jenem Staat
näher waren als wir seiner Manifestation in Auschwitz gegenüber wahrhaben wollen.
Oder geht mich Auschwitz überhaupt nichts an? Wenn in Auschwitz etwas Deutsches
zum Ausbruch kam, was ist dann in mir das Deutsche, das dort zum Ausbruch kam?
Ich verspüre meinen Anteil an Auschwitz nicht, das ist ganz sicher. Also dort,
wo das Schamgefühl sich regen, wo Gewissen sich melden müßte, bin ich nicht
betroffen. Nun fällt es mir allerdings immer schwer, das Deutsche in meinem
Wesen aufzufinden. (Ich kann nur hoffen, daß andere Landsleute, wenn sie's genau
genug nehmen, damit auch ihre Schwierigkeiten haben.) Und trotzdem soll ich
mich jetzt, Auschwitz gegenüber, hineinverwickelt sehen in das großdeutsche
Verbrechen. Die idealistischen Denk-Künstler, inländischer und ausländischer
Herkunft, haben uns seit 1945 hilfreich bewiesen, daß es keine Kollektivschuld*
gebe. Dieser Beweis macht einem Idealisten*
keine Mühe. Er liebt es, seine Vorstellung von personaler Verantwortlichkeit
so hoch als möglich zu schrauben. Er will etwas verlangen können vom Menschen.
Vom Einzelnen. Vom Individuum. Dieses Unteilbare sei willensfrei, findet oder
verfügt der Idealist. Wie sehr zusammengesetzt aus biologischer und politischer
Geschichte so ein Individuum ist, spielt da keine Rolle. Keine Rolle darf spielen
die Erfahrung unserer Idealisten von 1918 bis heute, die zeigt, welche grotesk
verschiedenen Haltungen das unteilbare Individuum kurz nacheinander (und sogar
gleichzeitig) einnehmen kann. Auf jeden Fall: seit 1945 und angesichts des Auschwitz-Prozesses
kommt uns das idealistische Schlupfloch sehr zustatten. Da jeder für sich verantwortlich
ist, hat jeder seine Taten selber zu verantworten und nur seine Taten. Wurde
einer »schuldig«, so ist das seine Sache. Und das bestätigt sich jeder von uns
leicht durch sein Gefühl vollkommener Unschuld, wenn er etwa von Auschwitz hört.
Aber vielleicht kommt das doch daher, weil sich die eigene Zugehörigkeit zum
völkischen* oder nationalen Kollektiv wirklich
nicht spüren läßt. Wer, anstatt sein sauberes Gewissen zu erforschen und sein
Schamgefühl zu befragen, nachdächte über den willkürlichen und mehr noch unwillkürlichen
Anteil, den man hat an den Wirkungen des Kollektivs, der könnte nicht mehr so
leicht sagen: die Taten sind bloß die Sache der Täter. Wählten wir die Bezeichnungen
für unsere menschliche Art ein bißchen genauer, uns angemessener, also realistischer,
dann wären die Ursachen so wichtig wie die Sachen. Dann wäre einer, der aus
einem kleinen Kerl einen großen Mörder macht, so verantwortlich wie der, der
den Mord besorgt. Und wer am Mord bloß viel Geld verdient hat und jetzt wieder
Konzerne bastelt oder Fabriken dirigiert, der bekäme zumindest öffentlich zugewiesen
seinen Anteil am vielfachen Mord. Aber das idealistische Strafrecht schaut am
liebsten auf die Hände. Und die sind einfach nicht blutig beim politischen oder
wirtschaftlichen Verursacher. Das ist gut bürgerliche Justiz. Je weiter unten
einer hantierte, desto schlechter ist er dran. Kollektivschuld*
gibt es nicht. Und von Kollektiv-Ursache sprechen wir lieber nicht.
Wie nah kommt doch da der bürgerliche Individualist dem Anarchismus! Warum dann
überhaupt noch Volk oder Staat, wenn ich mich im prekären*
Fall auf mein persönliches Unschuldsgefühl berufen kann? Daß mein Schamgefühl
oder mein Gewissen sich nicht auf Staatliches oder Völkisches erstreckt, weiß
ich ohnehin. Und was an mir deutsch ist, fällt wahrscheinlich bloß einem Ausländer
auf. Aber ich kann darüber nachdenken, auf welche Weise und wie sehr ich heute
dem westdeutschen Staat angehöre, auf welche Weise und in welchem Ausmaß das
sogenannte Dritte Reich sich auch als mein staatlicher Ausdruck manifestieren
durfte. Meine Staatsangehörigkeit ist konkret. Man kann auf die Bewandtnis,
die es mit der Staatsangehörigkeit hat, allerdings nicht kommen durch Empfindung,
sondern allenfalls durch eine Art Denken. Der Idealist läßt es sich wohl sein
bei der Vorstellung, der Volksgenosse von Goethe*,
Kant* und Hegel*
zu sein (vielleicht auch noch von Marx*). Aber
mit Goebbels*, Göring*,
Heydrich* und Himmler*
hat er nichts gemein (vielleicht noch mit Ludendorff*).
Wenn aber Volk und Staat überhaupt noch sinnvolle Bezeichnungen sind für ein
Politisches, für ein Kollektiv also, das in der Geschichte auftritt, in dessen
Namen Recht gesprochen oder gebrochen wird, dann ist alles, was geschieht, durch
dieses Kollektiv bedingt, dann ist in diesem Kollektiv die Ursache für alles
zu suchen. Dann ist keine Tat mehr bloß subjektiv. Dann ist Auschwitz eine großdeutsche
Sache. Dann gehört jeder zu irgend einem Teil zu der Ursache von Auschwitz.
Dann wäre es eines jeden Sache, diesen Anteil aufzufinden. Es muß einer doch
nicht in der SS gewesen sein.
Beobachtet man sich und auch andere bei der Begegnung mit dem Auschwitz-Prozeß,
dann erfährt man, daß er, als ein Musterprozeß gegen sozial bedingte Asoziale,
in uns lehrbuchhaft sauber unsere eigenen idealistischen und asozialen Erbschaften
mobilisiert: unseren Anteil an Auschwitz.
Ohne weiteres entlarvt sich der national-wehleidige Protest gegen den Prozeß
als die denkbar dümmste Art, sich heute als deutscher Idealist (oder Faschist*)
um den Ruf des Vaterlandes zu sorgen. Auf die traurigste Weise idealistisch
ist aber auch unsere Distanz zu den SS-Chargen. Wir sind nicht wie die! Aber
gleichzeitig finden wir die Strafe, die diese SS-Chargen erwartet, lächerlich
unangemessen, wenn wir an die entsetzlichen »Fleißaufgaben« denken, die sie
in Auschwitz erfüllten. Offenbar glauben wir noch immer, eine Tat könne gesühnt
werden. Und nun gar diese über jeden bisherigen Begriff gehende Tat Auschwitz!
Aber wahrscheinlich wollen wir einfach unsere Ruhe haben. Vergeltung und Schluß.
Wenn die Täter wenigstens ein bißchen so behandelt würden, wie sie selber handelten,
wäre uns schon wohler. So ziehen uns die SS-Chargen in ihre idealistische Praxis.
So gerät man in den Sog des Asozialen. So kapituliert man vor der Anstrengung,
den asozialen Instinkt ohne Befriedigung zu lassen. Man will seine Ruhe. Und
die trägt den schönen Namen Gerechtigkeit. Daß es für solche Taten keinen Ausgleich,
keine Sühne gibt, ist uns unangenehm.
Wir wollen heraus sein aus dieser Geschichte. Und die Justiz soll uns dazu verhelfen.
Und was machen wir mit dem Leiden der »Häftlinge «? Weil es uns nicht gelingen
kann, da irgendeinen Sinn hineinzukonstruieren, der uns befriedigen könnte,
flüchtet sich unser Instinkt wieder zur Vergeltung. Als wäre dann dieses Unmaß
an Leiden schon ein bißchen weniger sinnlos. Wir scheuen die Anstrengung, Auschwitz
als ein sinnloses, nie mehr zu sühnendes Morden in unser Bewußtsein aufzunehmen.
Wir klammern uns an die subjektiven Brutalitäten. Die ziehen uns an und stoßen
uns ab. Wir lassen uns anziehen und abstoßen. Wir isolieren die Brutalitäten,
die Ursachen langweilen uns. Die gesicherte Distanz zu den »Teufeln« und »Bestien«
erlaubt uns, die gleißenden Zitate als Futter für unser eigenes, geheim gehaltenes
Asoziales zu konsumieren. Das können wir uns umso leichter gestatten, als wir
ja den Opfern unser ganzes kraftloses Bedauern entgegenbringen. Und die Justiz
wird den gesellschaftlichen Auftrag schon erfüllen und die Sache rechtsgemäß
erledigen.
Das ist so, weil wir so sind. Unter Menschen ist das Talent zum Sozialen, das
der Idealist das Humane nennt, immer noch so schwach, das Asoziale noch so stark,
daß die Täter nichts dazu lernen können, und alle, die auf die Seite der Täter
gehören. Nur die Opfer, soweit sie noch das bloße Leben haben, und die, die
auf der Seite der Opfer sind, die können weder Auschwitz vergessen noch so weiterleben,
als hätte Auschwitz nie stattgefunden. Für uns aber wird Auschwitz keine Folgen
haben. Was jetzt dem primitiven Politiker sein Antikommunismus oder seine Atombombe
oder die Todesstrafe, das ist dem Feingeist sein subtiles*
Verhältnis zur Grausamkeit. Unser Asoziales hat weiterhin seine groben und feinen
Funktionäre; wie geheim es sich auch momentan gibt, es kann mobilisiert werden.
Natürlich wird sich Auschwitz nie wiederholen. Der nächste Triumph des Asozialen
wird sich anders ausstaffieren. Deshalb ist es ja so sinnlos und befriedigend,
Auschwitz nur in seinen einmaligen Fakten und sozusagen nur mit den Nerven wahrzunehmen.
Aber bitte, wir haben momentan, als Gesellschaft, Erfolg. Und Erfolg macht unempfindlich.
Das Bewußtsein hat kein Bedürfnis. Aber die Nerven brauchen starke Dosen. Möglich,
es wird uns gegen Ende des Jahrhunderts wieder so langweilig, wie es den feineren
Menschen schon am Jahrhundertanfang war. Am Ende kommen wir wieder auf Ideen*.
Und das ist gern der Anfang des Schrecklichen.
[Quelle: Kursbuch Nr. 1, hrsg. von Hans Magnus Enzensberger,
Juni 1965, S. 189 - 200]
Die meisten mit Sternchen versehenen Wörter und Begriffe werden im Glossar
erläutert.
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