Martin Walser

Unser Auschwitz (1965)




Goethe, Lebensregel

Willst Du Dir ein hübsch Leben zimmern,
Mußt Dich ums Vergangne nicht kümmern.

Zum Glossar

Zurück zu Peter Weiss, Die Ermittlung







Der Prozeß gegen die Chargen* von Auschwitz* hat eine Bedeutung erhalten, die mit dem Rechtsgeschäft nichts mehr zu tun hat. Geschichtsforschung läuft mit, Enthüllung, moralische und politische Aufklärung einer Bevölkerung, die offenbar auf keinem anderen Wege zur Anerkennung des Geschehenen zu bringen war.
Über ein Jahr lang haben wir in der Zeitung gelesen, wie es zuging in Auschwitz. Wir waren vielleicht sogar im Gerichtssaal in Frankfurt. Wir kennen die Gesichter der Angeschuldigten, wir erinnern uns an einzelne Zeugen, und am meisten erinnern wir uns an fürchterliche Einzelheiten. Das Unglaubliche hat sich am tiefsten eingeprägt. Das Unvorstellbare hat den nachhaltigsten Eindruck gemacht. Jeder kennt momentan die schrecklichen Instrumente, kann einzelne Wörter zitieren aus dem Jargon* der Täter, aus der Sprache der Opfer, weiß gewisse Gebäude und Plätze in Auschwitz und die dort geübten Mordpraktiken; man macht sich eine Vorstellung von der Beseitigung der Leichen, von den so und so und so mißhandelten und gemarterten Körpern. Über ein Jahr lang lasen wir Überschriften dieser Art: »Frauen lebend ins Feuer getrieben«, »Suppe und Straßenkot in den Mund gestopft«, »Todkranke von Ratten angenagt«, »Hähnchen und Vanilleeis für die Henker«, »Der Gnadenschuß in der Frühstückspause«, »In den Gaskammern schrien die Opfer fast 15 Minuten lang«, »In Auschwitz floß der Alkohol«, »Genickschüsse an der Schwarzen Wand«, »Die Folterschaukel von Auschwitz«, »Der Teufel sitzt auf der Anklagebank«, »Wie die Raubtiere«...

Kaduk* und Boger* werden am liebsten in den Zeitungen abgebildet. Sie sind Stars geworden. Reduziert auf die Dimension des Zitats. An ihnen hat man sofort den Inbegriff. Je scheußlicher die Einzelheit, desto genauer wurde sie uns mitgeteilt. Je unfaßbarer das Detail, desto deutlicher wurde es uns beschrieben.
So ist unser Gedächtnis jetzt angefüllt mit Furchtbarem. Und je furchtbarer die Auschwitz-Zitate sind, desto deutlicher wird ganz von selbst unsere Distanz zu Auschwitz. Mit diesen Geschehnissen, das wissen wir gewiß, mit diesen Scheußlichkeiten haben wir nichts zu tun. Diese Gemeinheiten sind nicht teilbar. In diesem Prozeß ist nicht von uns die Rede. Nicht umsonst werden die Angeschuldigten in den Berichten »Teufel« und »Henker« und »Raubtiere« genannt. Wer von uns ist schon ein Teufel, ein Henker, ein Raubtier. Tatsächlich, auf diese Distanz gebracht, läßt sich Auschwitz betrachten. Ja, Auschwitz bringt es sogar zu einer traurigen Art von Attraktion. Die Berichte über die Verbrechen in Auschwitz geraten ganz von selbst in die Nachbarschaft der Berichte über andere Verbrechen: »Siebzehn Bißwunden und Kopfverletzungen«, »Singend in den Tod«, »Der Hungertod dauert 15 Tage«.

Die Faszination, die das Grauenhafte auf uns ausübt, ist bekannt. Und Auschwitz scheint, wenn überhaupt, auf diesem Weg bei uns zur geschichtlichen Berühmtheit zu gelangen. Als Greuelzitat. Wir sind offenbar so. Kein Mensch, glaube ich, könnte des öfteren in Frankfurt im Gerichtssaal zuschauen, ohne von diesen schrecklichen Zitaten ebenso abgestoßen wie angezogen zu werden: Es ist die Frage, ob man sich der Natur dieser Faszination bewußt wird. Immer wieder taucht in den Zeitungsberichten das Wort »Inferno«* auf. Dante* wird beschworen. Schon einer der Herausgeber der Dokumente aus den Prozessen gegen die SS-Chargen von Buchenwald* und Sachsenhausen* schrieb: »Vielleicht hat die Phantasie eines Dante, der die Qualen der Hölle schilderte, die Realität der KZ-Verbrechen erahnt.« Oft genug taucht Dante jetzt wieder am Rande des Auschwitz-Prozesses auf. Man spricht von »dantesken Szenen«. Die Berichterstatter wollen vielleicht der bloßen Brutalität der Schlagzeile entkommen und geraten in einen Zusammenhang, der dem Sachverhalt Auschwitz noch fremder ist als der tägliche Raub- oder Sexualmord.

Auschwitz mit Dantes Inferno [vgl. Aufsatz: Vermittlung der "Ermittlung"? zu vergleichen ist fast eine Frechheit, falls nicht Unwissenheit mildernd ins Feld geführt werden kann. Im Inferno werden schließlich die »Sünden« von »Schuldigen« gesühnt. Dem Inferno folgen immerhin noch Purgatorio* und Paradiso*. Die Menschen in Auschwitz wären grauenhaft überfragt gewesen, wenn sie einem durchwandelnden Dante hätten die Sünden aufsagen sollen, um derentwillen sie da gequält wurden. Und ihrer Qual folgte lediglich die Vernichtung. Woher kommt aber die Neigung, die SS-Chargen für »Teufel« und »Bestien« zu halten und die Qualen der Menschen mit Dante zu umschreiben, also aus Auschwitz eine »Hölle« zu machen? Sicher auch daher, daß für den Berichterstatter Auschwitz einfach keine Realität ist. Wer dem Prozeß zusieht, kann ohne weiteres feststellen, daß Auschwitz nur noch für die »Häftlinge«, die überlebten, etwas Wirkliches ist. Die SS-Chargen beschreiben ihre damalige Tätigkeit, wie es die Taktik ihrer Verteidigung fordert. Das ist ihr gutes Recht. Trotzdem gesteht man ihnen nicht gern zu, daß es ihnen so leicht fällt, in ihrem Dienstplan-Jargon zu verbleiben. Und man weiß noch nicht einmal sicher, ob sie diesen Jargon nur benutzen, weil in ihm die Verantwortlichkeit des Einzelnen so gut wie unauffindbar ist, oder ob sie wirklich keine eigene Sprache haben für ihre Erinnerung an Auschwitz.

Was Auschwitz war, wissen nur die »Häftlinge«. Niemand sonst. Wenn ein ehemaliger »Häftling« im Gerichtssaal nicht weitersprechen kann, wenn er Mühe hat, die ehemaligen Quäler überhaupt anzuschauen, um einen zu erkennen, wenn er wie unter Zwang Redewendungen seiner Folterer wiederholt, Sätze, zwanzig Jahre alt, auch Sätze von Gefolterten, wenn ein paar Minuten lang das Gedächtnis seinen schlimmen Stoff einfach und unverarbeitet hergibt, dann wird ein wenig von Auschwitz real. Der Zeuge Johann Wrobel sagte im Prozeß gegen die Chargen von Sachsenhausen: »Als ich im Fernsehen Sorge und Schubert wiedersah, mußte ich weinen.« Es ist nicht Schuld der SS-Chargen, sondern die Art unseres menschlichen Gedächtnisses, daß die SS-Chargen nicht weinen müssen, wenn sie die ehemaligen »Häftlinge« jetzt wiedersehen. Unser Gedächtnis arbeitet zwar schwer durchschaubar weiter an unseren Erfahrungen, die es aufnimmt, aber wenn wir uns an eine Situation erinnern, so liefert uns das Gedächtnis zuerst einmal ein Abbild unserer damaligen Rolle in der Situation. Dann können wir, nach neueren Einsichten, unsere Rolle manipulieren, wir können sie bedauern, verleugnen, widerrufen. Aber eine wirkliche Macht über uns können diese Kommentare, die wir dem Gedächtnisstoff jetzt beigeben, nicht erringen. Deshalb sollte man sich nicht zu sehr darüber wundern, daß die Angeschuldigten oft lächeln, oder fast ironisch wirkende Antworten geben. Das ist nicht Zynismus*. Sie können auch heute die Auschwitz-Realität der »Häftlinge« nicht begreifen, weil ihnen ihr Gedächtnis ein ganz anderes Auschwitz aufbewahrt hat; ihr Auschwitz nämlich, das der SS-Chargen.

Auschwitz ist aber seiner »Häftlinge« wegen wichtig geworden, das an den »Häftlingen« Begangene ist der Prozeßstoff und unsere nationale Schwierigkeit. Und eben von dieser Realität des Lagers wissen wir noch weniger als von der der SS-Leute. Die Situation dieser absoluten Rechtlosigkeit ist uns einfach nicht vorstellbar. Weil wir uns also nicht hineindenken können in die Lage der »Häftlinge«, weil das Maß ihres Leidens über jeden bisherigen Begriff geht und weil wir uns deshalb auch von den unmittelbaren Tätern kein menschliches Bild machen können, deshalb heißt Auschwitz eine Hölle und die Täter sind Teufel. So könnte man sich erklären, warum immer, wenn von Auschwitz die Rede ist, solche aus unserer Welt hinausweisenden Wörter gebraucht werden. Nun war aber Auschwitz nicht die Hölle, sondern ein deutsches Konzentrationslager. Und die »Häftlinge« waren keine Verdammten oder Halbverdammten eines christlichen Kosmos, sondern unschuldige Juden, Kommunisten und so weiter. Und die Folterer waren keine phantastischen Teufel, sondern Menschen wie du und ich. Deutsche, oder solche, die es werden wollten.

Unsere mangelnde Erfahrung und das Übermaß des Begangenen sind sicher ein Grund dafür, daß wir uns Auschwitz mit solchen Wörtern vom Halse halten. Man kapituliert einfach vor soviel »Unmenschlichkeit«. Dann sammelt man Zitate nach Maßgabe der darin spürbaren Brutalität. Die Bedingungen, die diese Brutalitäten ermöglichten, sind viel zu farblos, viel zu sehr im Historischen, im Politischen, im Sozialen zu Hause, also entschwinden sie uns vor dem saftigen Inbegriff eines SS-Mannes, den wir zur Bestie stilisieren. Ebensowenig kommt es uns ja bei Dante auf die Bedingungen an. Wir lösen die puren Scheußlichkeiten aus ihrem Zusammenhang, machen Dante zu einem Meister des Brutalen, dadurch wird er brauchbar zur Beschreibung der Scheußlichkeiten von Auschwitz, die uns auch erscheinen als Scheußlichkeiten an sich, als pure Brutalität. Aber wenn wir schon Dante und die christliche Hölle bloß um der Effekte wegen plündern und fälschen, so sollten wir doch ein bißchen genauer sein, wenn es um Auschwitz geht. Da spielen die Bedingungen eine zu große Rolle, da sind es überhaupt die Bedingungen, die Auschwitz unter uns ermöglichten. Wie Auschwitz für die »Häftlinge« war, werden wir nie verstehen. Aber was geschah, daß es für diese »Häftlinge« ein Auschwitz gab, das sollte nicht in einer Flucht zu phantastischen Umschreibungen - halb Bildzeitung, halb Dante - verlorengehen.

Auschwitz ist überhaupt nichts Phantastisches, sondern eine Anstalt, die der deutsche Staat mit großer Folgerichtigkeit entwickelte zur Ausbeutung und Vernichtung von Menschen. Wenn man mit wehleidiger Lust (die sich auch als nationaler Protest äußern kann) in der Zeitung die brutalen Fakten zur Kenntnis nimmt, vergißt man leicht, daß all diese mittelalterlich bunten Quälereien eher gegen das System veranstaltet wurden. Unsere Nationalsozialisten waren ja erst am Anfang. Persönliche Grausamkeit hätte über kurz oder lang kaum mehr eine Rolle spielen dürfen. »Fleißaufgaben« nannte der ehemalige »Häftling« Dr. Wolken die grausamen Praktiken der SS-Chargen. Man vergißt angesichts der einprägsamen Folterer, daß das schlechtere Idealisten waren als die besseren Idealisten, die das System entworfen hatten. Es sollte wirklich, wie Ossietzky* sah, die »Zeit des desinfizierten Marterpfahls« werden. Man muß sich die Todesfabrik vorstellen ohne die Requisiten* und Eigenschaften, die jetzt den Angeschuldigten vorgeworfen werden: also ohne Kaduks Bergsteigerstock; ohne Bogers Schaukel, ohne Broads* Wunsch, die hübscheren Frauen zuerst erschießen zu lassen; ohne Hofmanns* »Sportmachen«; ohne Baretzkis* tödlichen »Spezialschlag« mit der Handkante; ohne Starks* politischen Eifer gegenüber Sowjetkommissaren; ohne Capesius’* Anfälligkeit gegenüber gewissen Wertsachen; ohne Klehrs* Sucht, den Mediziner zu spielen; ohne Bednariks* Lust, mit Stühlen totzuschlagen; ohne Schaufelstiele, Ochsenziemer und Wasserschläuche ... Auschwitz ohne diese »Farben« ist das wirklichere Auschwitz. Selektion an der Rampe, Transport in die Kammern, Zyklon B*, Verbrennungsöfen. Und: wer nicht ermordet wird, arbeitet bei Krupp, bei der I.G.*, bis er daran stirbt oder auch ermordet wird. Das ist das Betriebssystem. So wurde es von den Idealisten* des Nationalsozialismus entwickelt. Als Glied eines umfassenderen Systems. Die persönlichen Befriedigungen der Funktionäre wurden bekämpft und wären sicher gänzlich unterdrückt worden in unseliger Friedenszeit.

In den Nürnberger Prozessen* war vielmehr zu erfahren über das sogenannte Dritte Reich* als im Auschwitz-Prozeß. Trotzdem war die Wirkung dieser Prozesse auf uns alle sehr gering. Das kann nicht nur daran liegen, daß wir uns unsere Führer nicht von ausländischen Gerichten verurteilen lassen wollten. Es lag vielleicht auch daran, daß wir noch keinen Sinn haben für das Asoziale, das fein bürgerlich auftritt und sich, bevor es handelt, zuerst legitimiert. Die Prozeßmaterie von Nürnberg war offenbar nicht zu popularisieren*. Da wurde immerhin der Versuch gemacht, den geschichtlichen Hergang auf Handlungen und Entscheidungen von einzelnen und Organisationen zurückzuführen und Verantwortlichkeit festzustellen. Im Auschwitz-Prozeß sitzen nur noch Chargen auf der Bank. Handlanger, Henker, Verführte. Produkte eines heftigen deutschen Erziehungsaufwandes. Täter im altmodischsten Wortsinn. Und wenn schon Teufel, dann eher arme Teufel. Je kleiner die Charge, desto mehr war sie angewiesen auf handfeste Tat. Und je handfester die Tat, desto leichter herauszulösen aus den Bedingungen des Systems, aus unserer deutschen Geschichte von 1918 bis 1945. Und so lange löst man die Tat als ein persönliches Verbrechen heraus aus unserem nationalen Zusammenhang, bis nichts mehr übrigbleibt als die pure Brutalität.
Ein faszinierendes Zitat, das nimmt man willig-widerwillig erschauernd zur Kenntnis und denkt noch: ich bin nicht wie die. Wer von uns ist schon ein Teufel, eine Bestie, ein Raubtier? Keiner von uns. Aber wer von uns erliegt nicht der Faszination, dieser hin- und herstreitenden Empfindung, angesichts der puren und deshalb gleißenden Brutalität der Figuren, die wir zu Teufeln und Raubtieren stilisierten*! Natürlich verabscheuen wir den Täter. Das gehört ja mit zu unserer intimen Auseinandersetzung. Wir empfinden den Unterschied. Und wir nehmen Anteil am Opfer. Der Schmerz der Opfer, die aus Dantes Wortschatz entlehnte Qual, dieser Teil des Zitats ist dringend notwendig für unser Erlebnis. Erst durch den hilflosen Versuch, uns auf die Seite des Opfers zu stellen oder uns, so gut es gehen will, wenigstens vorzustellen, wie schrecklich da gelitten wurde, erst durch diese Anteilnahme wird uns der Täter so verabscheuungswürdig und brutal, wie wir ihn für unsere realitätsarme, aber momentan heftige Empfindung brauchen.
Mit ein wenig Ruhe könnten wir natürlich einsehen, daß es uns nicht gelingt, Anteil zu nehmen am Schmerz der Opfer. Was heißt das denn, wir nehmen Anteil? Wieviel gilt uns unser Bedauern? Hilft es uns, irgend etwas zu tun? Es ist sogar möglich, daß unser Interesse an den Opfern geringer ist als das Interesse an den Grausamkeiten, denen sie damals ausgesetzt waren. Wie lange werden wir die Auschwitz-Zitate mit uns herumtragen? Ich glaube, wir werden Auschwitz bald wieder vergessen haben, wenn wir es kennenlernen nur als eine Sammlung subjektiver Brutalitäten. Warum vergessen wir die täglichen Raub- und Sexualmorde, sobald die Täter in den Zuchthäusern verschwunden sind? Vielleicht doch, weil in den Berichten über diese Fälle das Faktische die Hauptrolle spielte. Ob mit dem Hammer, und wie und wie oft, und ob in der Küche oder auf dem Bootssteg, das spielt die Hauptrolle. Es heißt, das wirke bei Empfänglichen, bei Jugendlichen etwa, im Unbewußten nach. Wir nehmen es mit hin- und herstreitender Empfindung zur Kenntnis, eher kulinarisch* als kritisch, dann vergessen wir es wieder und nehmen am nächsten Tag den nächsten Mord ebenso zur Kenntnis. Es kommt kaum vor, daß sich von Mord zu Mord eine Einsicht steigert in die Bedingtheiten solcher Taten. Die gegenständliche Fülle der Nachrichten und die darin enthaltene Brutalität unterbindet die Reflexion*. Das Bewußtsein bleibt leer. Und weil weder Höß*, noch Heydrich*, noch Himmler*, noch irgendein Rassenideologe oder l.G.-Generaldirektor auf der Anklagebank sitzt, wäre es immerhin denkbar, daß der Auschwitz-Prozeß für uns zu einem monströsen Wust von sensationellen Mordprozessen würde, und wir hätten damit nur noch als Konsumenten greller Schlagzeilen zu tun. Und die sind vergessen, sobald sie durch neue Schlagzeilen abgelöst werden. Wer weiß denn noch, wie es zuging in Buchenwald und Sachsenhausen? Die Prozesse gegen Sommer, den »Henker von Buchenwald«, gegen den »Eisernen Gustav« und den »Pistolen-Schubert« waren Dokumentationen ganz ungeheurer subjektiver Grausamkeiten. Da verbietet sich jeder Vergleich. Und wir wurden unterrichtet über die schrecklichen Einfälle jener Angeklagten. Haben diese Brutalitäten unser Bewußtsein erreicht? Haben sie uns darüber belehrt, was Faschismus ist? Haben sie vermocht, jene verfilzte Liaison zwischen Faschismus* und Deutschtümelei aufzusprengen, die nicht nur in niedersächsischen Köpfen überlebte? Sind wir etwa politischer geworden gegenüber dem Osten, das heißt vernünftiger und bescheidener in unseren Ansprüchen? Begreifen wir ein bißchen besser, wie tief der Schrecken denen noch in den Knochen sitzen muß nach unserem letzten Auftritt? Sind wir vorsichtiger geworden gegenüber unserer idealistischen Begabung, die uns immer dazu verleitet, Weltanschauungen aufzubauen wie Verliese, für uns und für die, die wir zu idealen Feinden stilisieren, und das so lange, bis wir (und die Feinde) uns so verhalten müssen, wie es sich für Verfeindete gehört? Was sich in Auschwitz austobte, stammt schließlich auch aus alter Schule, ist von schlechten Eltern. Juden und Slawen, darauf waren wir gedrillt seit langem. Zur Zeit schulen wir um aufKommunisten* .


[Quelle: Kursbuch Nr. 1, hrsg. von Hans Magnus Enzensberger, Juni 1965, S. 189 - 200]

Die meisten mit Sternchen versehenen Wörter und Begriffe werden im Glossar erläutert.

Fortsetzung Seite 2Fortsetzung Seite 2