„Stacheldraht, mit Tod geladen ...“: Lieder im KZ

Singen sei "das Fundament zur Musik in vielen Dingen", äußerte einmal der Komponist Georg Philipp Telemann. Singen bildete auch in den Konzentrationslagern eine elementare Ebene der Musikausübung, verfügbar ohne großen materiellen Aufwand und meist auch ohne größere Vorbildung. Freilich wurde das Singen in den KZ's nicht weniger als die Arbeit der Häftlingskapellen durch konträre Funktionen geprägt.

Einerseits war es Teil des traumatischen Unterdrückungsapparats der SS: Gesungen werden mußte häufig während harter körperlicher Arbeit. Dadurch sollte das Arbeitstempo in konstantem Takt gehalten werden; nach Kriegsbeginn wurde die Drangsal in vielen Lagern durch Einführung des Laufschritts bei der Arbeit nebst Singen noch erhöht. "Caracho" forderte die SS. Im KZ Buchenwald wurde gar die Straße, die von der Kommandantur zum Haupttor führ- te, in "Caracho-Weg" umgetauft. Und damit des Zynismus kein Ende: Kunstgewerblich befähigte Häftlinge mußten einen Wegweiser schnitzen: mit dem Namen, einer Gruppe von Häftlingen im Laufschritt und dem Motto: „.. und stets ein frohes Lied erklingt“.

Eugen Kogon berichtet aus dem KZ Buchenwald von dem "Kommando Fuhrkolonne", welches nur von wenigen Häft- lingen überlebt werden konnte: "15 bis 20 Mann als Gespann eines schwerbeladenen Wagens, an Stelle von Pferden in Gurte gespannt, im Laufschritt vorwärtsgetrieben. Ein SS-Führer fährt mit dem Motorrad voraus, um das Lauftempo der Kolonne anzugeben, die außerdem singen muß! Die Lagerführer Plaul und Kampe hatten schon als Unterscharführer im KZ Sachsenburg für ein solches Fuhrkommando den die SS begeisternden Ausdruck 'Singende Pferde' geprägt."

Gesungen werden mußte oft auch beim Strafsport, zur Ankunft neuer Häftlinge - z. B. das Lied "Alle Vögel sind schon da" - oder zur eigenen Verhöhnung. So hatte sich die SS für die jüdischen Häftlinge des KZ Buchenwald den folgenden Schmähgesang einfallen lassen: Jahrhundert haben wir das Volk betrogen, kein Schwindel war uns je zu groß und stark, wir haben geschoben nur, gelogen und betrogen, sei's mit der Krone oder mit der Mark. [ ... ] Jetzt hat der Deutsche uns durchschauet und hinter sicher'n Stacheldraht gebracht. Uns Völksbetrügern hat es längst davor gegrauet, was wahr geworden plötzlich über Nacht. Nun trauern unsere krummen Judennasen, umsonst ist Haß und Zwietracht ausgesät. Jetzt gibt's kein Stehlen mehr, kein Schlemmen und kein Prassen, es ist zu spät, für immer ist's zu spät." Die Häftlinge wurden zur Selbstentwürdigung gezwungen. Sie hatten dieses Spottlied, das als "Judenlied" kursierte, in gesonderter Formation zu singen. Wer mag vor diesen Hintergründen noch das weitverbreitete geflügelte Wort aufrechterhalten: "Wo man singt, da laß dich ruhig nieder, böse Menschen kennen keine Lieder.“




Während für die einen in den Lagern Musik eine unerträgliche Qual war, und zwar nicht nur die verordnete, sondern ebenso die aus eigenem Antrieb gespielte oder gesungene, suchten andere gerade im Musizieren, vor allem im Singen, geistige Freiräume, eine "andere Welt", Nischen der Selbstbehauptung. Dazu war freilich eine Willenskraft nötig, die sich menschlicher Vorstellungskraft entzieht. Unter den Lagerbedingungen erhielten manche Lieder, über deren Textinhalte sonst eher hinweggesungen wird, eine geradezu brisante Bedeutung, zum Beispiel "Die Gedanken sind frei". Die Weit der Imagination, der Phantasiekraft, der Gedanken war die letzte Freiheit, die die entrechteten und gefolterten Menschen für sich bewahren konnten, das Reservoir, in welchem auch Sehnsüchte noch vor dem Scheiterhaufen gerettet werden konnten: "Kein Mensch kann sie wissen, kein Jäger erschießen", heißt es im Lied, aber auch: "Und sperrt man mich ein im finsteren Kerker, das alles sind rein vergebliche Werke; denn meine Gedanken zerreißen die Schranken und Mauern entzwei." Singen konnte eine Form des Widerstandes darstellen.

Neben bereits vorhandenen bekannten Liedern entstanden - aus der Situation heraus - neue, zumeist mit ironischen Anspielungen auf das Lagerleben. "Galgenlieder", die ein "Stück Weltanschauung" offenbaren, in der sich "die skrupellose Freiheit des Ausgeschalteten, Entmaterialisierten [ ...] ausspricht" (Christian Morgenstern). So wurde die SS-Parole "Caracho" in Sachsenhausen zum Anlaß einer Karikatur, deren ironischer Gestus noch durch die heitere Melodie des Liedes "Auf der Festung Königstein" verstärkt wurde. Heiterkeit vermochte partiell seelische Zwänge, wenigstens für Augenblicke, zu lockern, auf der anderen Seite hatte für viele alles Singen bereits aufgehört. Sie konnten angesichts der Bedingungen, unter denen Musik zur Tortur wurde, Töne, Klänge, Melodien, Harmonien nicht mehr als Genuß wahrneh men.

In vielen Lagern existierten Lagerhymnen, einige waren von der SS beauftragt worden, andere als heimliche Opposition und Ausdruck unverrückbaren Solidarverhaltens entstanden. Zu diesen zählte das Dachau- Lied "Stacheldraht, mit Tod geladen" von Jura Soyfer und Herbert Zipper. Von Mund zu Mund weitergegeben, ergriff es innerhalb kurzer Zeit das gesamte Lager. Die Parole "Arbeit macht frei", die nicht allein in Dachau als zynische Lagertor-Aufschrift angebracht war, wurde vom Textautor in ihrer Bedeutung umgekehrt: Trotz aller Barbarei "bleib ein Mensch, Kamerad", bleibe stark, bewahre für dich und deinen Mithäftlingen das Bewußtsein, ein Mensch zu sein! Viele der Gefangenen vermochten das Lied als eines der "ihren" anzuerkennen und sich mit ihm zu identifizieren.






Von einer KZ-Kapelle begleitet, wird ein entflohener Häftling im KZ Mauthausen zur Exekution geführt - Foto: Projektgruppe Musik in Konzentra- tionslagern, Freiburg (Breisgau)






"Rückkehr von der Arbeit' - Zeichnung von Mieczylaw Koscielnak in Auschwitz-Birkenau. Im Bild spielt das Frauenorchester des Konzentrationslagers Auschwitz



(Quelle: Triangel, Februar 1999, mdr KulturProgrammjournal für Thüringen, Sachsen, Sachsen-Anhalt, S. 44 ff)