Friedrich Hölderlin

Menschenbeifall


Ist nicht heilig mein Herz, schöneren Lebens voll,
   Seit ich liebe? Warum achtet ihr mich mehr,
      Da ich stolzer und wilder,
         Wortereicher und leerer war?

Ach! der Menge gefällt, was auf den Marktplatz taugt,
   Und es ehret der Knecht nur den Gewaltsamen;
        An das Göttliche glauben
        Die allein, die es sind.








Interpretation von David Feldmann




Friedrich Hölderlins »Menschenbeifall« besteht aus zwei unterschiedlichen Teilen, zwei unterschiedlichen Strophen. Zwar erscheinen sie aufgrund ihrer äußeren Erscheinung ähnlich, auch sind sie mit jeweils vier Zeilen und einer Regelmäßigkeit der Silben – in den ersten zwei Zeilen 12 und in den letzten beiden, mit lediglich einer Ausnahme, 7 Silben – durchaus vergleichbar aufgebaut, doch weisen sie in ihren Aussagen und der Form dieser gewaltige Unterschiede auf.




Das lyrische Ich sowie das Du, welches jedoch nur im Plural vertreten ist, treten alleinig in der ersten Strophe auf. Das lyrische Ich erzählt aus seiner persönlichen Situation, legt diese dar. Erschien diese Situation, in der das Herz des Ichs »schöneren Lebens voll«, in den ersten eineinhalb Zeilen positiv, so wendet sich das Bild schnell. Durch seine Liebe, welche der Auslöser für sein «wohles Wohlbefinden» war, scheint es die Achtung des Du verloren zu haben, dies durch den Verlust von Stolz, Wildheit und Reichheit an Worten aber auch durch das Auftreten von Fülle, dem Verlust von Leere.




In der zweiten Strophe nun treten keinerlei Charaktere auf. Das lyrische Ich tritt lediglich in dem Ausruf »Ach!« in der ersten Zeile, das Du in Form «der Menge», auf. Der Ausruf des lyrischen Ichs ist ein Ausdruck von Missfallen oder gar Wehleid. Es klagt indirekt die Menge an, zu diesem Zustand beizutragen, ihn auszulösen. Die Menge steht nicht für eine Menge von Menschen, eine Versammlung. Sie repräsentiert das Volk, die Gesellschaft, in der sich das lyrische Ich befindet und wahrscheinlich lebt.




Das lyrische Ich wirft der Menge vor, ihr gefalle, »was auf dem Marktplatz taugt«. «Der Marktplatz» ist die Öffentlichkeit, wenn auch abgewertet und «taugen» steht auch nur für das Bringen von Nutzen – für die Menge, versteht sich.




Das Gedicht verweist auf die Oberflächlichkeit der Gesellschaft. Das lyrische Ich liebt, ist dadurch nicht mehr so stolz, wild und wortreich, wie es womöglich vorher einmal gewesen ist, doch es gewinnt an Fülle. Dies jedoch scheint in der Gesellschaft, «auf dem Marktplatz», keine Rolle zu spielen – lediglich offensichtliche, unpersönliche Eigenschaften zählen. »Und es ehret der Knecht nur den Gewaltsamen«. Für das Volk, den Knecht, haben nur aktive Eigenschaften Gewicht – kraftvolle, gewaltsame, Eigenschaften, wie zum Beispiel Stolz, Wildheit und Wortreichheit.


»An das Göttliche glauben / die allein, die es sind«. Mit diesen zwei Zeilen endet das Gedicht. Doch was ist nun «das Göttliche»? Fest steht: Die Menge ist oder hat es nicht.