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Am Strande
Gedichtinterpretation von David Feldmann - 10. Jg.
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Drei Strophen, bestehend aus vier Versen, bilden das Gedicht Am Strande von Marie Luise Kaschnitz. Durchgehender Kreuzreim sowie eine männliche Kadenz jeglicher Verse und das Metrum des Gedichts, welches hier der Trochäus ist, verleihen dem Gedicht zusammen mit der Vers- und Strophen-Anzahl eine nicht zu verkennende Regelmäßigkeit. Lediglich die Regelmäßigkeit der Kadenz wird an einer Stelle unterbrochen: Der Titel des Gedichts endet weiblich. Das lyrische Du bildet zusammen mit einer Welle und dem lyrischen Ich die wesentlichen Charaktere des Gedichts. Das lyrische Ich beschreibt, wie es das lyrische Du am Strand beobachtet hat und ihm bei einem Spiel zugesehen hat. Bis zur dritten Strophe bleibt das Ich auch in der beobachtenden Position, wird nicht entdeckt. Das Du spielt ein Spiel mit den Wellen es zeichnet Sterne und Kreise in den Sand, die jedoch unmittelbar später von den Wellen ausgelöscht werden ( Zeichen ein, von d). Das lyrische Ich bezeichnet dieses Spiel als Spiel mit der ewigen Vergänglichkeit, da das Du mit nahezu kindlicher Geduld die Formen und Symbole wiederherstellt, um sie doch wieder auslöschen zu lassen (Z. 4, 7, 8). Die Welle, welche die Arbeiten des lyrischen Dus auslöscht, wird personalisiert, ihr werden Taten und Aktionen zugeschrieben (Welle kam ..., Welle ging ..., Welle zog ...). Im Endeffekt bildet die Welle gar einen Charakter des Gedichts. Während das lyrische Ich nicht mit dem lyrischen Du in Kontakt tritt, besteht nahezu regelmäßiger Kontakt zwischen der Welle und dem Du, wenn auch nicht direkt lediglich der Schaum der Wellen steht in direktem Kontakt (Schaum der Wellen dir zu Füßen trieb). Das Ich scheint die Welle um dieses zu beneiden. Es scheint, als würde sich das Ich nach Kontakt mit dem Du sehnen, ja, es wünscht sich dem Du in Zeile zwei gar zu Füßen (... dir zu Füßen ...). Doch ganz vollkommen scheint der Kontakt zwischen der Welle und dem Du ebenfalls nicht zu sein, denn mit dem Erscheinen der Welle wird ein Teil des Dus ausgelöscht dies repräsentiert durch die Zeichnungen (Welle kam und Stern und Kreis zerfiel). Das Ich scheint diese Zeichnungen von Stern und Kreis als Kosmos zu interpretieren. Dieser Kosmos durch Nahekommen der Welle. Allmählich entsteht der Verdacht, dass das lyrische Ich nicht nur die Welle beneidet, sondern sich sogar mit ihr identifiziert. Schon in der ersten Zeile des Gedichts wird durch die Nutzung des Wortes wieder klar, dass das Du dem Ich nicht unbekannt ist, im Gegenteil, es scheint, als seien sie sich wohl bekannt. Die Sprache, mit der das lyrische Ich das Du beschreibt, zeugt von tiefer Leidenschaft, aber auch von Schmerz. Die Identifizierung des Ichs mit der Welle spiegelt möglicherweise das Verhältnis der beiden wieder. Das Ich fühlt sich durch das Du angezogen, versucht immer wieder ihm nahezukommen, kann es doch nie erreichen, da Teile des Dus durch das Nahekommen ausgelöscht werden, woraufhin sich das Ich wieder zurückzieht womöglich, weil ihm dies fremd erscheint oder Angst einflößt. Doch das Ich gibt die Hoffnung nicht auf, unternimmt immer wieder Anläufe ohne Erfolg. Das Du scheint die Versuche des Ichs nicht wahrzunehmen, es geht zumindest nicht auf sie ein. Erst in der dritten Strophe wird das Du auf das Ich, und demnach wahrscheinlich auch auf die Versuche dieses, aufmerksam (Lachend hast du dich zu mir gewandt). Doch sobald dies geschieht zieht die schönste Welle zum Strand und löscht zum Leidwesen des Ichs die Spur des Dus. Bezogen auf die Beziehung des Ichs zu dem Du, mag dieses bedeuten, dass sich das Ich aufgrund der Zuwendung des Dus getraut hat, vollkommen mit ihm in Kontakt zu treten, doch dadurch nicht nur die Zeichnungen dieses, sondern sogar die Spur ausgelöscht hat. Das Auslöschen der Spur ist unwiderrufbar, eine Spur, ein Symbol für Vergangenheit, die Vergangenheit. Im Ende hat das Ich das Du verloren, doch ist auch erlöst aus dem Bann der vorher immer nötigen, paradoxen ewigen Vergänglichkeit. März 1999 |
Am Strande
Heute sah ich wieder dich am Strand Schaum der Wellen dir zu Füßen trieb Mit dem Finger grubst du in den Sand Zeichen ein, von denen keines blieb.
Ganz versunken warst du in dein Spiel Mit der ewigen Vergänglichkeit Welle kam und Stern und Kreis zerfiel Welle ging und du warst neu bereit.
Lachend hast du dich zu mir gewandt Ahntest nicht den Schmerz, den ich erfuhr: Denn die schönste Welle zog zum Strand Und sie löschte deiner Füße Spur.
(Marie Luise Kaschnitz, 1901 - 1974) |