Materialien zu Peter Weiss: Die Ermittlung

In einem Artikel des Informationsblattes „Unternehmerbrief des Deutschen Indu­strieinstituts“ (vom 21. 10. 1965), das sich bereits im Titel als "Sprachrohr“ der Industrie ausweist, schreiben (oder schreibt) „F/W“ unter dem Titel “Kulturpartisan des Kommunismus”:


Mit dem Grauen von Auschwitz wird in diesen Tagen in Deutschland revolutionäre Politik gemacht. Bühnen der sowjetisch besetzten Zone [gemeint = DDR] und der Bundesrepublik Deutschland bringen gleichzeitig „Die Ermittlung“, das Stück des seit 1938 in Schweden lebenden Schriftstellers deutscher Zunge, Peter Weiss. Der Sender "Freies Berlin" wird in einer Konferenzschaltung von diesen Premieren berichten, und die Sender der Bundesrepublik Deutschland werden Die Ermittlung ausstrahlen.

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Peter Weiss hat sich vor einiger Zeit eindeutig zum Kommunismus bekannt. Er versucht jetzt mit zielsicherer Dialektik [= Argumentation], die Schatten der Vergangenheit auf die Gegenwart zu projizieren und nachzuweisen, daß das deutsche Volk in seiner Gesamtheit sich nicht geändert habe und daß die Männer, die heute unser Schicksal und unser Bewußtsein bestimmen, die gleichen seien, die einst jüdische Menschen in den Gaskammern vernichteten.

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"Das Stück", so sagte Peter Weiss in einem Interview mit der schwedischen Zeitung Stockholms Tidningen, "entbehrt nicht der aktuellen Sprengkraft. Ein Großteil davon behandelt die Rolle der deutschen Großindustrie bei der Judenausrottung. Ich will den Kapitalismus brandmarken, der sich sogar als Kundschaft für Gaskammern hergibt."

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... Es geht hier nicht um die Diffamierung [= Verleumdung] einzelner Gruppen unserer Gesellschaft, sondern um die Diffamierung einer ganzen Gesellschafts- und Sozialordnung; wenn auch vordergründig die Hauptfiguren des Stückes nur einen bestimmten Personenkreis darzustellen scheinen   der Industrielle, der Professor, der Lehrer, der hohe Beamte, der Arzt   so verkörpert sich in ihnen doch die ganze Ordnung der westlichen Welt. Der Autor will glauben machen: Sie hat nicht begriffen und will nicht begreifen. Dies zeigen die Regieanweisungen am Ende der einzelnen Szenen oder wie es Weiss nennt  "Gesänge": "Die Angeklagten lachen zustimmend", „zustimmendes Lachen der Angeklagten", "Zustimmung von seiten der Angeklagten". Und besonders deutlich wird dieser Aspekt im Schlußsatz des Stückes, wo es heißt: (Angeklagter 1) "Herr Präsident, man soll in diesem Prozeß auch nicht die Millionen vergessen, die für unser Land ihr Leben ließen, und man soll nicht vergessen, was nach dem Krieg geschah und was immer noch gegen uns vorgenommen wird. Wir alle, das möchte ich nochmals betonen, haben nichts als unsere Schuldigkeit getan, selbst wenn es uns oft schwerfiel und wenn wir daran verzweifeln wollten. Heute, da unsere Nation sich wieder zu einer führenden Stellung emporgearbeitet hat, sollten wir uns mit anderen Dingen befassen als mit Vorwürfen, die längst als verjährt angesehen werden müßten."   Laute Zustimmung von seiten der Angeklagten . . .

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Was will Weiss mit dieser Generalanklage? Er will nachweisen, daß man nur die Handlanger der Vernichtungslager vor Gericht gestellt und verurteilt habe, nicht aber die Hauptschuldigen, da sie in der Bundesrepublik Deutschland die absolute Macht in Wirtschaft, Politik und Justiz besäßen. [...]


F/W



 

[Quelle: gekürzt aus: van Rinsum, a.a.O., S. 212 ff.]