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Dokumentar-Theater
Allgemeine Erklärung:
Dramatische Darstellung historischer Ereignisse und Personen mit demonstrativem Authentizitätsanspruch.
Genauere Erklärung:
Theater, das sich durch erkennbare Referenz auf Faktisches empirischem Wahrheitsanspruch unterstellt. Bei Auswahl, Anordnung und Transformation des historischen Quellenmaterials in dramatische Spielabläufe geht es in der Regel um die wirkungsvolle Präsentation geschichtlicher Sachverhalte mit dem Ziel politischer Aufklärung über Ereignisse und Zusammenhänge, die dem öffentlichen Bewußtsein weitgehend entzogen waren. Diese werden im Unterschied zum Geschichtsdrama nicht zum Ausgangspunkt einer dramatischen Gestaltung, die die Verbindlichkeit des Tatsächlichen aufgrund einer spezifischen Geschichtsdeutung zugunsten des Typischen aufhebt, sondern zum Zielpunkt einer szenischen Referenz, die durch die Präsentation quellenmäßig verbürgten Stoffs zeigen will, wie es 'wirklich war'.
Nicht erst das dokumentarische Theater, sondern z. B. schon Goethes 'Clavigo' und Büchners 'Dantons Tod' verwenden historisch verbürgtes Sprachmaterial zum Aufbau ihrer fiktionalen Welt. Das dokumentarische Theater steht jedoch nur auf den ersten Blick in dieser Tradition genau genommen bricht es mit ihr, indem es dem literarischen Autonomieanspruch entsagt. Denn es geht ihm nicht um die bruchlose Integration, sondern um die ausgestellte Präsentation von empirischem Quellenmaterial. Dies macht es auf spezifische Weise kenntlich: durch technische Verfahren der belegenden Projektion, dramaturgische der demonstrierten Zitation, historische der quellenbezogenen Dokumentation, schauspielerische der gestischen Präsentation und literarische der verfremdenden Montage. Hierdurch wird signalisiert, daß das Dokumentartheater seine Geltung an das Kriterium der Tatsachenwahrheit bindet. Der Autor unterwirft sich einem historischen Wahrheitsanspruch, indem er seine Stücke "in der Haltung des Belegs" (Kipphardt 1987, 224) schreibt und so die Verpflichtung eingeht, die Richtigkeit des Dargestellten im Rekurs auf empirische Tatsächlichkeit und nicht im Hinblick auf poetische Angemessenheit zu rechtfertigen. Kipphardt (1964, 7): "Wenn die Wahrheit von einer Wirkung bedroht schien, opferte ich eher die Wirkung.
Geschichte:
Im deutschsprachigen Raum ist es zunächst Karl Kraus, der in seiner satirischen Tragödie 'Die letzten Tage der Menschheit' in mehr als 200 Szenen die unheilvolle Wirklichkeit des 1. Weltkrieges [...] als grandiose Sprachcollage inszeniert, um so den Kontrast zwischen Phrase und Realität kenntlich zu machen. Die unwahrscheinlichsten Taten, die hier gemeldet werden, sind wirklich geschehen; ich habe gemalt, was sie nur taten. Die unwahrscheinlichsten Gespräche, die hier geführt werden, sind wörtlich gesprochen; die grellsten Erfindungen sind Zitate (Kraus) [...] In den 60er Jahren erlebt das Dokumentartheater als Reaktion auf die damals herrschende Skepsis gegen Fiktivtexte eine Renaissance in den USA, England, Rußland und der BRD. (Beispiele in dt. Sprache: Kipphardt: In der Sache J. Robert Oppenheimer, Weiss: Die Ermittlung, Hochhuth: Der Stellvertreter.
(Quelle: bearbeitetes Stichwort aus dem Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft, Berlin 1997, Bd. I, S. 385f. )