10. Hauptfiguren
[...] Zeit, über das endende Jahr zu sinnieren. Wir wandten uns an Berliner Kulturschaffende, sie antworteten auf folgende Fragen: 1. "Was hätten Sie 1995 am liebsten verhindert?" 2. "Welches Ereignis hätten Sie 1995 gern erlebt?"
[...]
Thomas Brussig (Schriftsteller)1.: "Den Film ,Schlafes Bruder'. Ich hatte viel Schlechtes darüber gehört, daß ich dachte, so schlimm könne es nun wirklich nicht sein, und ihn mir anguckte. Aber es war wirklich schlecht: viel zu dick aufgetragen, viel zu folkloremäßig, richtig peinlich." 2.: "Daß ein Mittel gegen Aids gefunden worden wäre."
Copyright © contrapress media GmbH TAZ-BERLIN Nr. 4811 Seite 30-31 vom 30.12.1995
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Kömm, o Kitsch!
Ein Bauernkinoschmaus: Joseph Vilsmaier verfilmt Robert Schneiders Roman "Schlafes Bruder"
Dieser Film spielt hinter den sieben Bergen. Und damit man sieht, daß er hinter den sieben Bergen spielt, fährt die Kamera am Anfang gleich siebenmal rückwärts über die Bergkämme der Vorarlberger Alpen, tief hinein ins Gebirge. Hast du das verstanden, deutsches Kinopublikum? Gut. Also weiter.
Die Frau, die drunten hinter einem barfüßigen Knaben her durchs Tal marschiert, ist Hebamme; sie geht ins Dörfchen Eschberg, um den Helden des Films auf die Welt zu holen. "Sind das Hebammenhänd'?" fragt sie den Bauern Seff, dessen Gattin gerade gebiert. "Das sind feine Händ'!" Natürlich sind das feine Hände; wer hat schon heute noch Hebammenhände? Aber Kino ist Glaube, Kino ist Illusion; weiter also!
Das Knäblein, das da ans Licht kommt, wird - man sieht es - getauft auf den Namen Johannes Elias Alder. Schon als Erstkläßler fällt der kleine Johannes Elias durch seine ungewöhnliche Musikalität auf: Er singt heller und lauter als die anderen Kinder, und wenn der Lehrer (Paulus Manker) auf seinen Orgelkasten drückt, tun dem Elias die Ohren weh. Aber in Eschberg hinter den sieben Bergen ist so einem Wunderkind natürlich nicht zu helfen. Da quieken die Schweine, da muhen die Kühe, da knacken winters im Ofen die Scheite. Und was kommt nun?
Als der Knabe Elias acht oder neun Jahre alt ist, geschieht ihm etwas Seltsames. Er läuft hinaus aus dem Dorf zu einem kleinen See, zieht sich aus und legt sich nackt auf einen großen, glatten Stein, der ins Wasser ragt. Da, auf einmal, gerät die Kamera wieder in Bewegung. Sie fährt über den Knaben, welcher zittert, taucht hinab ins Schilf und schaut dann blitzartig gen Himmel. Man hört das Krachen der Halme, die Explosion der Tautropfen auf einem Stein, das Sausen und Summen und Heulen der Berge, und aus dem Ohr des Kindes sickert Blut. Was passiert denn da?
Man erfährt es, wenn man das Buch liest, das Buch zum Film. "Während er stürzte, vervielfachte sich sein Gehör . . . Geräusche, Laute, Klänge und Töne taten sich auf, die er bis dahin in dieser Klarheit noch nie gehört hatte . . . In Strömen unvorstellbaren Ausmaßes prasselten die Wetter des Klanges und der Geräusche auf die Ohren des Elias nieder . . . Ja selbst das Dröhnen der Gedanken blieb dem Kind nicht unerhört . . . Das Muhen und Blöken, das Schnauben und Wiehern, das Gerassel von Halfterketten, das Lecken und Zungengewetze an Salzsteinen, das Klatschen der Schwänze, das Grunzen und Rollen, das Furzen und Blähen, das Quieken und Piepsen, das Miauen und das Gebell, das Gackern und Krähen, das Zwitschern und Flügelschlagen, das Nagen und Picken, das Grabschen und Scharren . . . Was sind Worte!" Also schrieb Robert Schneider vor drei Jahren in seinem Roman "Schlafes Bruder". Was sind da Bilder!
"Schlafes Bruder" ist ein Bestseller ist ein Bestseller ist ein Bestseller. Aber so schlecht ist das Buch auch wieder nicht. Im Gegenteil: Wenn er als allwissender Erzähler nicht gar so unbeholfen ("Ein Leser, der uns zwischenzeitlich bis an diesen Punkt gefolgt ist, mag . . .", "müssen wir erschrocken feststellen, daß . . .") immer wieder in seinen Wortfluß hineinstolperte, könnte man Schneider für einen würdigen Nachfahren des seligen Hermann Hesse halten, der in ähnlich jungen Jahren ähnlich traurige Geschichten ("Unterm Rad", "Demian", "Peter Camenzind") über unters Volk gefallene Genies verfaßte. Der stille Haß des Elias auf die dumpfen Dorfbewohner, seine unglückliche Liebe zu der blonden Elsbeth, sein Träumen und Säumen, sein Hadern mit Gott, seine Todessehnsucht und sein schließlicher Hungertod - das alles sind vertraute Motive aus dem früh- und spätromantischen Sagenkreis, und geschrieben ist das Buch so, daß man es auch vor fünfzig, hundert oder hundertfünfzig Jahren getrost hätte veröffentlichen können. Dergleichen Kreuz-, Tod- und Gruftgeschwängertes liest man halt immer wieder gern.
Um so verwunderlicher ist es, daß der Regisseur Joseph Vilsmaier ("I bin der Reschissör von ,Herbstmilch`, ,Rama Dama` und ,Stalingrad`. Ich möchat Ihr Buch verfilma") gerade diesen Stoff einer deutschen Großverfilmung unterzogen hat. Denn an wilden Aktionen gibt "Schlafes Bruder" so gar nichts her, sein Heimatgefühl besteht bloß aus Muff, Zank und Haß, und das Verhungern und Verdämmern des Musikgenies Elias ist ein down-ending schlimmsten Grades. An Schneiders Buch kann man drehen, wie man will - ein schäfchenweiches Aufbau-Epos wie "Rama Dama" kommt dabei nicht heraus.
Wenn man aber dann den Film sieht, wundert einen gar nichts mehr. Vilsmaier hat nicht nur das Blöken und Piepsen, das Grunzen und Schnauben der Viecher und Menschen wundermild in seinen Cinemascope-Kasten geholt, er hat auch der Geschichte gerade jenen romantischen Geist ratzeputz ausgetrieben, der sie wider alle Alpenseligkeit am Leben erhält. Sein Elias ist kein glühender Schmerzensmann, sondern der allzeit wacker kasparhausernde André Eisermann, dem man seinen musikalischen Genius so wenig ansieht wie einem Boxer die Liebe zur Literatur. Und Peter, des Elias zärtlich-grober Freund, ist der noch wackerere Ben Becker, dessen Versuche, einen Hauch Homoerotik in diese Hintersassenwelt zu bringen, auf rührende Weise an die intimen Abenteuer von Huckleberry Finn mit Tom Sawyer erinnern. Elsbeth schließlich, Elias' Angebetete, ist die unverwüstliche Dana Vávrová, die auch diesmal wieder ihre Rolle aus zwei, drei Gesten und Mienen zusammensetzt, als wären von "Herbstmilch" bis "Schlafes Bruder" alle Frauen eins und gleich. Wenn die drei auftreten, reden sie reines Hochdeutsch, so wie der Film, wenn er flott sein will, gebrochenes Amerikanisch spricht. Da schwellen die Herzen, da verlöschen pathetisch die Kerzen beim Feldberger Orgelwettbewerb, als Elias den Ruhm der großen Welt gewinnt - freilich nicht mit Bachs Choral "Kömm o Tod, Du Schlafes Bruder", sondern mit einem pompösen Pop-Mischmasch, den der Komponist Hubert von Goisern für Vilsmaier angerichtet hat. Was sind Worte, was Buchtitel? Kömm, o Kitsch!
"Macht Koteletts aus ,Schlafes Bruder`!" hat der Autor Robert Schneider im Spaß ausgerufen. Das hat er jetzt, ganz ernst und zäh, zusammen mit Vilsmaier getan. Aber Schneider ist ja noch jung, und so wird er vielleicht auch einmal Bücher schreiben, die man nicht im Kino essen kann. Und Joseph Vilsmaier wird weiter Bauernschmäuse wie diesen anrichten. So geht alles seinen geregelten Gang im deutschen Film.
(Quelle:DIE ZEIT Nr. 41 06.10.1995 [FEUILLETON] Andreas Kilb)
[...]
Unglaublich, aber wahr: "Schlafes Bruder", die absolut schinkige Vilsmaier-Verfilmung des Erfolgsschinkens von Robert Schneider, ist in Los Angeles für einen "Golden Globe" als bester nichtenglischer Film nominiert worden. Wahrscheinlich bedient er irgendeine verwischte Vorstellung "deutschen" Lebens, Leidens und Souls. [...]
Copyright © contrapress media GmbH TAZ Nr. 4808 Seite 12-13 vom 27.12.1995
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Schlafes Bruder Deutschland 1995, R: Joseph Vilsmaier, D: Andre Eisermann, Ben Becker
" Die rauhe Berglandschaft als grandiose Kulisse, die sakrale Musikuntermalung sowie die sorgfältig besetzte Dorfbevölkerung aus tumben Bauern, alten Vetteln und durch Inzest degeneriertem Nachwuchs schaffen eine düstere Atmosphäre. "Schlafes Bruder" hat das Zeug, der "Heimat"-Film der 90er Jahre zu werden." (TV-Spielfilm) City
Copyright © contrapress media GmbH TAZ-BREMEN Nr. 4781 Seite 24-25 vom 23.11.1995
Es dröhnt ein Lied aus allen Kanälen -
Joseph Vilsmaiers laute Verfilmung des Romans Schlafes Bruder von Robert Schneider
Das ist die Geschichte des Regisseurs Joseph Vilsmaier, der 55jährig eine Erzählung zu Tode brachte, nachdem er beschlossen hatte, sie zu verfilmen. Denn wovon Robert Schneider in seinem Erstlingsroman Schlafes Bruder (dessen längst berühmten ersten Satz sich diese Kritik kurz ausgeliehen hat) in einer altertümelnd-distanzierten Sprache berichtet, das behauptet Vilsmaier in der Verfilmung tatsächlich zeigen zu können. Unter anderem dies: daß die Welt zu singen anfängt. Wer nicht zumindest ein ganz klein wenig klammheimliche Bewunderung für diese Hybris empfinden kann, dem bleiben gar keine Wörter, um auszudrücken, wie sehr Vilsmaier dies zu zeigen mißlungen ist. Zigtausende von Lesern werden die Geschichte kennen. Sie handelt von dem urdeutschen Motiv des Originalgenies, dargestellt am Beispiel des Musikers Johannes Elias Alder, der, armer Bauern Kind, zeitlebens nie eine Note zu lesen gelernt hatte und dennoch mit der Orgel die Himmelspforten zu öffnen in
der Lage war.
Um diese Geschichte zu erzählen, wendet Vilsmaier alles auf, was er sowohl bei seinem Heimatfilm (Herbstmilch) als auch beim Kriegsfilm (Stalingrad) gelernt hatte. Da fliegt die Kamera im Hubschrauber durch die erhabenen Alpen. Da geht ein zuvor eigens erbautes Dorf gänzlich in Feuer auf. Und da findet sich jede Gefühlsregung überlebensgroß ins Gesicht der Schauspieler geschnitzt. Der Thalia-Schauspieler André Eisermann spielt Johannes Alder. Er muß schon ordentlich grimassieren, um bei diesem Aufwand an Material und Mimik als Figur überhaupt noch vorzukommen. Ergebnis: Das Grimassieren kommt vor, die Figur leider nicht.
Nun könnte man Schlafes Bruder als eine von vielen fehlgeschlagenen Literaturverfilmungen einfach abtun. Aber man kann es dann doch nicht. Dieser Film reizt dazu, sich gehörig über ihn ärgern. Vielleicht liegt es an dem dichten Geflecht von Motiven der deutschen Romantik, denen der Film einzig aufzusitzen scheint, um sie gehörig ausbeuten zu können. Etwa dem Motiv der zum Klingen gebrachten Welt. Vilsmaier behandelt es nach seiner Art: mit Fleiß und mit Bombast-Ästhetik. Er hat, wie er in einem Fernsehinterview erklärte, das Quaken der Frösche aufnehmen lassen, das Rauschen des Windes, das Plätschern des Wassers - und so weiter und so fort. Das alles hat er in der Schlüsselszene des Films hübsch gesampelt, auf die Tonspur gepackt und noch mit Engelsgesängen unterlegt. So wie der Ton bei dieser Szene ist der Film im Ganzen: laut. Eichendorff hat das romantische Motiv auf die Formel gebracht: "Es ist ein Lied in allen Dingen". Dank Vilsmaier wissen wir es jetzt endlich besser: Es dröhnt der Sound aus allen Kanälen.
Copyright © contrapress media GmbH TAZ-HAMBURG Nr. 4739 Seite II vom 05.10.1995 TAZ-Bericht Dirk Knipphals
Hellwach bis zum Hörsturz - Orgeln in freier Natur: "Schlafes Bruder", ein Heimatfilm aus dem Hause Vilsmaier
"Flucht vor Gefühlen verbiegt die Menschen nur", sagt Joseph Vilsmaier. Wer die zwei Stunden "Schlafes Bruder" nicht durchhält, wird wohl mit gekrümmtem
Rücken das Kino verlassen. Als Vorlage für seinen neuen Monumentalbergfilm
hat sich Regisseur und Kameramann Vilsmaier den Roman von Robert Schneider
ausgesucht, in dessen Klappentext behauptet wird, das Manuskript sei von 23
Verlagen abgelehnt worden. Dann erbarmte sich Reclam Leipzig des Werks, das
sich der Berg- und Lebenswelt des 19. Jahrhunderts annimmt. Inzwischen sei
das Schwarzwaldepos in 24 Sprachen übersetzt worden.
Robert Schneider hat
auch das Drehbuch zum Film verfaßt und durfte die Rolle des Kutschers
spielen.
Mordsmäßig donnernd und krachend geht's los: Seffin Alder, die Frau vom Seff
(nicht Sepp!) gebiert mit reichlich Filmblut ihr zweites Kind. Die Hebamme
kann dem Blag zunächst keinen Ton entlocken. Totgeburt? Dann ein Schrei, den
man im ganzen Dorf hört. Entsetzte Gesichter starren auf das Kind. Bei der
Geburt des kleinen Musikteufelchens Elias, der Hundefrequenzen belauschen
kann, sitzen echte Fliegen als Schauspieler auf der Gebärenden. So kommen
Musikgenies zur Welt, in den Bergen Vilsmaiers.
Gottergeben wird geboren und gestorben, geblitzt und gedonnert. Die ersten
Jahre wird Elias Alder versteckt gehalten. Später werfen ihm die anderen
Kinder Steine hinterher.
Seine Initiation zum Hör- und damit Musikgenie
inszeniert Vilsmaier als bombastische, gern wiederholte Schlüsselszene. Der
Jüngling lauscht nackt liegend am Fels, hört pfeifende Murmeltiere, blökende
Schafe, muhende Kühe und summende Fliegen. All das Getier geräuscht heftig
und hämmert uns das Hördrama des Elias ein. Dank monatelanger Soundtüftelei
und der Unterstützung der Orgel des Salzburger Doms können die Tiere im Chor
locker mit dem Höllenlärm von Apocalypse Now und Batman Forever konkurrieren.
Unterschied zu Vietnam: In Eschberg besteht das Schlachtfeld aus Wiesen mit
tumben Bauern, die ein Genie an der Ausübung seiner Kunst hindern wollen.
Als sich der brutale Dorflehrer erhängt, nachdem Elias ihn an der
Kirchenorgel unter tosendem Beifall der Eschberger niedergespielt hat, steht
nur er selbst seiner Karriere als Superorganist noch im Weg. Obwohl der Roman
halbwegs ironisch mit den gottesfürchtigen, glupschäugigen Eschbergern
umspringt, hat sich Schneider in seinem Drehbuch zu "Schlafes Bruder" in
Kooperation mit Vilsmaier ("Ich mische mich in alles ein") für eine
leidenschaftslodernde Dreiecksgeschichte entschieden. Elias wird zerrieben
zwischen Peter (Ben Becker agiert leider hölzern wie im Fernsehkrimi), der
seine unerfüllte Liebe zum Freund in heftiger Bearbeitung des Orgelblasebalgs
zu kompensieren versucht, und Elsbeth (Dana Vávrová, Vilsmaiers Frau).
Während Elias nächtelang die leere Kirche unter Dauerorgelfeuer nimmt,
schmachtet Elsbeth unbefriedigt in ihrer Holzhütte. Draußen trollt der
grobschlächtige Lucas herum, dem Elsbeth versprochen ist. Als Elsbeth
irgendwann aus lauter Frust doch mit Lucas ins Heu steigt, explodieren in
Elias Hirn die Murmeltiere (Peter reibt sich die Hände, kommt aber auch nicht
zum Zug). Unglücklich gräbt das Genie sich in seine Klangwelt animalischer
Orgelpfeifen ein. Mittendrin brennt halb Eschberg ab.
Das Filmdorf hat
Vilsmaier originalgetreu im österreichischen Gaschurn bauen lassen. Ein
Riesenaufwand, den sich 65.000 Wanderer angeschaut haben sollen, bevor die
Holzhäuser aus Gründen des Landschaftschutzes wieder zerlegt wurden.
Inzwischen fordern Eschberg-Fans den Wiederaufbau der Filmgemeinde.
Der Heimatfilm eines Trenker oder ,Unterm Dirndl wird gejodelt` waren
stilisiertes Alpenglühen. Trost und Erbauung für all diejenigen, die einen
Krieg "verloren" hatten und nicht die schöne Illusion verlieren wollten, die
Amerikanisierung ihrer "Heimat" ließe sich noch aufhalten. Vilsmaiers
Fortschreibung des Heimatfilms aber könnte sich als durchgeknalltes
Ethnoalpendrama als durchaus hollywoodkompatibel erweisen. In seiner
Perfektion ist der "Stalingrad"-Nachfolger amerikanisch, in seinem
staubtrocken ernsten Duktus so deutsch, wie es von uns im Ausland erwartet
wird. So wurde "Schlafes Bruder" schon in der amerikanischen Zeitschrift
Variety vorabgelobt. Ein zweiter Exportschlager nach dem "Boot"?
Auch in Deutschland dürfte das detailbesessen auf Authentizität setzende
Gebirgsdrama Anhänger finden. Denn irgendwie schafft Vilsmaier es, unsern
Widerstand gegen sein tiefdräuendes Werk durch Dauermurmeltierbeschallung
oder was auch immer zu brechen. Verkannte Genies, unfähige Liebende, tumbe
Bergbauern, die wir insgeheim ja auch alle sind, laden zur Identifikation
ein. Bei aller Ablehnung solch eines Gefühlsoverkills werden wir zu
Mitgefangenen der Eschberger, wenn sie durch den Schneesturm tappen und der
greise Pfarrer bei einer Taufe eine Beerdigungszeremonie durchzieht, ohne daß
sein blinder Gehülfe (Heinz Emigholz) etwas dagegen ausrichten kann.
Der manische Elias, von André Eisermann (unlängst als Kaspar Hauser zu sehen)
furchterregend besessen gespielt, zerbricht, wie sollte es anders sein, an
Genie, Wahnsinn und Unfähigkeit zur Liebe. Wer liebt, schläft nicht, sagt ihm
ein Köhler, als hätte er auf dieses Motto gewartet. Fortan schläft er nicht
mehr nur nicht mit Elsbeth oder Peter, Elias schläft gar nicht mehr. Die
Totgeburt stirbt mit 22, der Heimatfilm lebt.
"Schlafes Bruder", nach dem Roman von Robert Schneider, Regie: Joseph Vilsmaier; mit André Eisermann, Dana Vávrová, Ben Becker, 127 Min.
Copyright © contrapress media GmbH TAZ Nr. 4739 Seite 16 vom 05.10.1995 TAZ-Bericht Andreas Becker
Interview mit dem Hauptdarsteller - "Ich bin ein Wissender"
-
Im Gespräch: André Eisermann, Star in Joseph Vilsmaiers Film
"Schlafes Bruder", über sein Sendungsbewußtsein & Adam & Eva
André Eisermann, 27, spielt die Hauptrolle in Joseph Vilsmaiers
Verfilmung von Robert Schneiders Roman "Schlafes Bruder", der bundesweit mit
200 Kopien gestartet wurde. Eisermann, Sproß einer Schaustellerfamilie,
machte sich durch seine herausragende Darstellung des "Kasper Hauser" (Regie:
Peter Sehr) einen Namen. Für die Rolle des Johannes Elias Alder fühlte sich
Eisermann sofort berufen - und Regisseur Vilsmaier gab ihm die Rolle des
Bergbauernjungen mit dem überirdischen Gehör, der mit 22 aus Liebesgram
beschließt, nicht mehr zu schlafen. Mit der Schauspielerei will Eisermann
auch seine dezidierte Weltsicht aus einem religiösen Blickwinkel heraus
publik machen. Am Sonntag weilte er in Bremen.
taz: Du bist mit zwei exzentrischen Hauptrollen in
großen Produktionen schnell zu Ruhm gekommen. Manchem Kritiker reicht das
aus, um Dich in eine Schublade zu packen ...
André Eisermann:(ungehalten) Ich bin 27! Ich bin jung, ich fang'
eben erst an. Ich spiel' zwei Riesenhauptrollen. Wer macht das denn im
Moment?! Man muß den Schauspieler nicht gleich zum Erfolg heben und ihn dann
wieder abschießen, weil er schon wieder "kasperhausert" in einem Film. Aber
die Kritiker machen es so dem Publikum schwer, nicht uns. Wir haben doch
sowieso Erfolg und machen gute Sachen.
Geht der Erfolg mit entsprechenden Angeboten einher?
Ich lehne alles ab. Und es gibt im Moment keine Angebote, die mich
interessieren. Ich war zwei Jahre am Thalia-Theater, aber ich habe mein
Theater jetzt gekündigt. Ich will auch mal Urlaub machen, ich muß auch mal zu
meinen Kindern gehen und mit denen zusammensein.
Du hast Kinder?
Ja, zwei. Anna und Jimmy. Das sind aber nicht meine eigenen, sondern die
Kinder meiner Tante. Gottseidank nicht die eigenen. Aber viele Kinder in
Deutschland und auf der Welt brauchen uns. Deswegen habe ich damit genug zu
tun und muß nicht selber Kinder zeugen und die Verantwortung übernehmen, sie
zu erziehen.
Brauchen uns Schauspieler?
Uns Menschen. Kinder brauchen unsere Liebe, unser Lächeln. Sie dürfen nicht
länger mit dem Scheißdreck um uns herum konfrontiert werden.
Scheißdreck, das heißt ...
... was die Politiker machen, was wir machen. Wir sind auch dumm; wir glauben
auch, wir wären Gott. Die Kinder sollen den Sinn des Lebens begreifen, und
das ist Jesus, der versucht hat, die Liebe zu verbreiten, bevor er von
Politikern ermordet wurde mit 32. Politik und Religion sind ein und dasselbe.
Du bist ein religiöser Mensch?
Ich bin ein Mensch, der weiß. Und aus dem Wissen heraus erfährt. Und mit
dieser Einstellung erlebe ich mehr oder weniger Wunder im Leben. Diese
Einstellung will ich aber nicht zu Markte tragen. Ich zeige sie in meinen
Filmen, ohne sie zu spielen.
Seit wann bist Du ein Wissender?
Seit meinem achten Lebensjahr habe ich eine Ahnung, daß ich ein Superstar
werden will, Liza Minelli, Udo Jürgens kennenlernen will. "Des Menschen Herz
erdenkt sich seinen Weg", schreibt der Prediger Salomo.
Du bist offenbar bibelfest.
Ich lese sie, weil die Geschichte von Adam und Eva die Gesellschaft geprägt
hat. Wir haben eine Männergesellschaft, Frauen wurden immer unterdrückt. Das
liegt an dieser Geschichte. Und wenn die Schlange der Teufel ist, wußte sie
sehr wohl, warum sie die Frau verführen mußte: Um sich gegen Gottes Macht zu
stellen, damit er regiert. Die Kirche drückt uns seit jeher ihre
Interpretation der Schöpfungsgeschichte auf. Damit beschäftige ich mich.
Deswegen mache ich Filme, die einen Hauch davon zeigen. Und "Schlafes Bruder"
ist ein Film, in dem ein Zweifelnder lieber stirbt, bevor er leidet - um
erlöst zu sein von diesem Leben.
Fragen: Alexander Musik
Copyright © contrapress media GmbH
TAZ-BREMEN Nr. 4749 Seite 23 vom 17.10.1995
SCHLAFES BRUDER
BRD 1995. R und K: Joseph Vilsmaier. B: Robert Schneider (nach seinem gleichnamigen Roman). P: Peter Starr. Sch: Alex Berner. M: Norbert J. Schneider, Hubert von Goisern. T. Fritz Dorsch. A: Rolf Zehetbauer, Anja Müller, Walter Richarz. Ko: Ute Hofinger. Pg: Perathon/Kuchenreuther Film/B.A./Iduna Film/Österreichisches Filminstitut/ORF. V: Senator. L: 127 Min. FSK: 12, ffr. FBW: besonders wertvoll. St: 5.10.1995. 0: André Eisermann (Elias), Conradin Blum (Elias als Kind), Dana Vávrová (Elsbeth), Ben Becker (Peter), Daniel Lins (Peter als Kind), Angelika Bartsch (Burga), Michael Mendl (Nulf), Eva Mattes (Nulfin), Peter Franke (Seff), Michaela Rosen (Seffin), Detlef Bothe (Lukas), Jochen Nickel (Köhler Michel), Paulus Manker (Oskar), Lena Stolze (Oskarin), Heinz Emigholz (Haintz).
Die ersten Bilder sind programmatisch. Ein Junge und eine Hebamme hasten einen Berghang empor. Man sieht Flugaufnahmen von schneeumwehten Gipfeln und Gletschern, schroffe Schluchten und nebelverhangene Täler - in CinemaScope und natürlich traumschön. Diese Bilder zeigen indes nicht den Weg der beiden Wanderer zu dem Dorf Eschberg, wo der Film spielen wird. Sie etablieren keine topographische Ordnung, sie wollen nicht illustrieren, sondern überwältigen: Natur! Seht her! Wie grandios! Dazu jubiliert ein Chor. Wir sind in einem Film von Joseph Vilsmaier.
Das Neugeborene gibt erst ein Lebenszeichen von sich, als die Hebamme das "Te Deum" singt. Die Eltern, gefangen in dunklem bäuerlichen Aberglauben, mutet das Kind seltsam an. Deshalb verstecken sie Elias Alder sieben Jahre vor dem Dorf. Elias ist anders, ein Einzelgänger, dessen musikalisches Talent in dem stickigen Dorfmilieu Haß und Neid weckt. Der Dorflehrer (Paulus Manker) schlägt ihn einmal fast halbtot, weil er als einziger erkennt, wie gräßlich er die Orgel malträtiert. Nur Peter, ein Nachbarsjunge, versteht den Sonderling und lauscht ergriffen, wenn Elias heimlich in der Kirche Orgel spielt.
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SCHLAFES BRUDER, die Verfilmung von Robert Schneiders Roman, lebt von eindeutigen Gegensätzen: hier das verkannte Genie, dort die inszestuöse, dumpfe Dorfgesellschaft, die alles haßt, was sich nicht in ihr Maß fügt. Elias ist nicht nur durch die heroische Einsamkeit des Künstlers geadelt, sondern auch mit übernatürlichen Fähigkeiten ausgestattet. So hört er den Herzschlag von Peters noch ungeborener Schwester - eine Ahnung des Kommenden.
Im Film folgt nun, die größte Abweichung vom Buch, ein gewagter, abrupter Zeitsprung. Peters Schwester Elsbeth (Dana Vávrová) tritt nach etwa einem Drittel des Filmes als erwachsene Frau auf. Fortan verhandelt der Film nicht nur Bergdorfmuff im frühen 19. Jahrhundert, sondern auch eine handfeste Viererkonstellation. Elias (André Eisermann) liebt Elsbeth und vice versa, aber Elsbeth ist einem blonden Dorfburschen versprochen, der vor allem groß und stark ist. Außerdem ist Peter (Ben Becker) in Elias vernarrt, der dessen homosexuelle Avancen mit ratlosem, abwesendem Blick übersieht. Elias ist das Genie, das zwischen seiner Berufung und seiner Geliebten zerrissen wird, die ihn als braven Bauern will und seine Geige an die Wand schmettert.
Den dramatischen Höhepunkt dieser Geschichte offeriert Vilsmaier in einer effektsicheren Parallelmontage. Elias spielt zum ersten Mal coram publico auf der Kirchenorgel: Die Gemeinde lauscht, den Blick gebannt nach oben gerichtet, dem Künstler. ' Elias aber, der Wundersame, hört, was drüben in einem Stall vor sich geht. Elsbeth gibt sich, verzweifelt über die Musikflausen ihres Geliebten, dem Dorfburschen hin. Elias sieht diese, mit krachendem Vilsmaierschen Naturalismus inszenierte Szene - und sein Blick auf das Paar, das sich im Heu liebt, verrät nicht rasende Eifersucht, sondern den Schock des ödipalen Blicks. Er ist das Kind, das seine Eltern sieht. Die Geräusche kulminieren in kakophonischem Getöse, dann wird alles still. Das ist für Elias, der die Welt vor allem hört, nahe am Tod.
Die Zuspitzung des Eifersuchtsdramas ist mit routiniertem Bombast in Szene gesetzt: Peter legt Feuer, das Dorf brennt ab, Elias rettet Elsbeth in letzter Minute aus den Flammen. Aber die zwei Königskinder können nicht zueinander kommen. Elsbeth zieht geschwängert mit ihrem Dorfburschen in die Stadt. Elias stirbt schließlich an den Rauschgiften, mit denen er sich wachhält, weil er seine Liebe beweisen will, indem er nicht mehr schläft. Dieses Finale kippt im Buch fast ins Groteske Vilsmaier stilisiert es mit einer Folge von Abblenden zum tragischen, tödlichen Rausch.
Der Schriftsteller Robert Schneider hat sein Erfolgsbuch zum Drehbuch umgearbeitet und schreibt über Vilsmaier: "Er sagte zu mir, es müsse in dem Drehbuch wie in einer Achterbahn rauf und runter gehen, es müsse den Zuschauer gefühlsmäßig durchschütteln, und habe er sich beruhigt, müsse gleich der nächste Hammer kommen." Obwohl diese Selbstbeschreibung Vilsmaierscher Wirkungsästhetik trifft, der Verdacht, daß hier hohe Literatur qua Adaption im "niederen" Medium vulgarisiert wird, geht fehl - und zwar nicht nur, weil der Autor so bereitwillig selbst Hand an sein Buch legte. Die Geschichte ist geändert, vereinfacht, gestrafft, das Personal reduziert, aber im Kern erhalten. Vilsmaiers Überwältigungsästhetik, der Bilderbogen derben prallen Dorflebens, auch der manchmal an unfreiwillige Komik reichende Wille zum Expressiven, reflektiert die bis in den Kitsch reichende verdrechselte, historisierende Sprache des Buches. Denn dies unterscheidet Schneiders Roman "Schlafes Bruder" von verwandten postmodernen, fabuliersüchtigen Büchern der neuen deutschen Literatur wie etwa Patrick Süßkinds "Das Parfum". Während dort der zweite Blick den dämonischen Duftmischer Grenoille als Parodie auf den Geniekult erkennt, geht es bei Schneider bierernst zu - und ohne doppelten Boden. Auch im Buch sind die Gegensätze eindeutig und unverrückbar: Genie contra dörfliche Enge. Dieser Topos erinnert an die deutsche Romantik, zumal der Dorflehrer als böse Persiflage einer kalten, untalentierten Ratio zu verstehen ist. Die Stadt, wo Elias' Talent nur die gebührende Anerkennung finden könnte, ist ein Moloch, ein Sündenbabel. Dorflehrer und -geistlicher sind Abgesandte dieser Stadt, der sie nicht genügten. Und Elsbeth endet dort im Schmutz als Nutte.
Das Buch hantiert mit krachenden Metaphern, aller stilistischen Ziselierung zum Trotz: Das Genie findet Erlösung von dem tragischen Zwiespalt zwischen Kunst und Leben nur im Tod. Im Film verfinstern rote Wolken den Himmel, pochender Herzschlag donnert und grummelt. Wenn es bei Vilsmaier regnet, wird es ein Wolkenbruch. Er zieht stets das ganze Register, darin trifft er Robert Schneiders ironiefreien Ton durchaus. Passabel gelöst ist die schwierigste Anforderung der Verfilmung: die Musik, im Roman inneres Erlebnis des Helden, zu definieren. Norbert Schneiders Soundtrack ist modern und eruptiv, rhapsodisch und komplex. Das ist weltenfern vom frühen 19. Jahrhundert - analog zu Vilsmaiers wuchtigen Bildern.
André Eisermann (der als Kaspar Hauser bekannt wurde) ist ein Schauspieler, der stets Gefahr läuft, sein Talent an den Effekt zu verschenken und zu viel zu tun. Auch Elias' Künstlerdrama spielt Eisermann unter Hochdruck; mal mit visionärem Blick in die Ferne, mal am Wahnsinn balancierend und fast immer mit einem Verzweiflungs- und Ausdruckstremolo, das sich selbst zu überholen droht. So gelingen die besten Szenen, wo die Geschichte Eisermann zu Understatement zwingt: in den* Liebesszenen mit Elsbeth (Dana Vávrová), die eigentlich nur aus sanften Verfehlungen bestehen. Elias ist ein Unschuldsengel, zwar liebt er Elsbeth, aber auf eine Weise, die, wie die ganze Figur, nicht von dieser Welt ist. So weiß er wirklich nicht, was Elsbeth eigentlich will, wenn sie ihm ins Hemd greift. Elias ist unberührbar, lost in music, der Kunst geweiht. So soll man es wohl verstehen.
Vilsmaier versteht es, Stereotypen und Genreklischees mit viel Sinn für Effekt zu arrangieren -gleichzeitig gelingt es ihm, Authentizität zu produzieren, den Eindruck, daß es früher so und nicht anders gewesen ist. Wie Oliver Stone entwirft Vilsmaier ein Patchwork von Identifikationsangeboten. Wenn Elias sich mit einem Debilen, Folge des Dorfinszests, gegen die sture, stumpfe Dorfwelt verbündet, schimmert dahinter Hippie-Ideologie: Genie und Depp nur am Rand blüht das Leben. Und seinen furiosen Orgelauftritt in der Stadt inszeniert Vilsmaier mit enthusiastischem Publikum, hysterischen Frauen, drängelnder Menge kurzum als Popkonzert, als Entgrenzung, auf das das tödliche Finale folgt. Rock me, Elias
SCHLAFES BRUDER hat 15 Millionen gekostet, sieht doppelt so teuer aus und spekuliert auf ein
cross-over - nämlich Literaturliebhaber, späte Freunde des Heimatfilms und - der dumpfen Gewalt zum Trotz - Natursehnsüchtige und Dorfnostalgiker ins Kino zu locken. Eschberg ist ein Dreckloch, die Kneipe eine finstere Spe-lunke - gleichwohl trifft hier Walter Benjamins Bemerkung, daß es eine Art gibt, Armut foto-grafisch zu inszenieren, die das Elend pittoresk veredelt.
Stefan Reinecke [epd Film 10/95]
Elias (André Eisermann) und Elsbeth (Dana Vávrová)
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Zum Thema "Schlaf"
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Besser als stehen ist liegen, besser als liegen ist schlafen. Und besser als schlafen? Wenig. Der Schlaf ist die herrschaftsfreie Zone. Hier hat niemand was zu sagen, die Vernunft nicht, die Zeit nicht und der Chef schon gar nicht. Im Schlaf, im Traum können wir alles sein und alles folgenlos: Schwerverbrecher und Schönheitskönigin, Retter der Welt und Ritter der Tafelrunde. Unter den Plumeaus ist die Freiheit wohl grenzenlos, den Kopf in den Kissen, erobern wir die unendlichen Reiche zwischen Eindämmern und Aufwachen, deren wahres Ausmaß hundert Atlanten nicht verzeichnen können.
(Quelle: DIE ZEIT Nr. 35 25.08.1995, Besprechung des Buches Henri-Frédéric Blanc:
Im Reich des Schlafs
Roman; aus dem Französischen von Sigrid Vagt; Fischer Taschenbuchverlag 12674, Frankfurt am Main 1995; 216 S., 16,90 DM)
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Grimms Wörterbuch (1899)
definiert das Stichwort "Schlaf" so:
der dem wachen entgegengesetzte, im allgemeinen normale zustand bei mensch und tier, in dem bei geschwundenem bewusztsein die functionen des körpers auf ein geringeres masz eingeschränkt sind;
Häufig werden Schlaf und Tod als Geschwisterkinder (Bruder oder Schwester) genannt:
wenn Luther sage, dasz die seele nach dem tode schlafe, so denke er nichts mehr dabey, als was alle leute denken, wenn sie den tod des schlafes bruder nennen. [Lessing]
Die Verbindung Tod und Schlaf:
ich wil sie mit jrem trincken in die hitze setzen, und wil sie truncken machen, das sie frölich werden, und einen ewigen schlaff schlaffen, von dem sie nimmermehr auffwachen sollen, spricht der herr. Jes. 51, 39
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weitere Schlafstellen von David Feldmann, Klasse 10.5
Goethe, Egmont,
V. Aufzug, Gefängnis (Egmont)
Süßer Schlaf !
Du kommst wie ein reines Glück,
ungebeten, unerfleht am willigsten.
Du lösest die Knoten der strengen Gedanken,
vermischest alle Bilder der Freude und des Schmerzens,
ungehindert fließt der Kreis innerer Harmonien, und
eingehüllt in gefälligen Wahnsinn,
versinken wir und hören auf zu sein.
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Shakespeare, König Heinrich IV.,
V,1 (Falstaff)
Ich wollt, es wäre Schlafenszeit und alles gut.
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Jostein Gaarder, Durch einen Spiegel in einem dunklen Wort
(Hanser 1996)
»Ich finde es seltsam dir beim Schlafen zuzusehen.«
»Schlafen Engel denn nie?«
Er schüttelte den Kopf.
»Wir begreifen auch nicht, was Schlaf bedeutet. Verstehst du das ?«
»Eigentlich nicht...«
»Aber du hast dir sicher schon überlegt, was in dem Moment in deinem Kopf vorgeht, wenn du einschläfst?«
Sie zuckte die Schultern.
»Ich bin einfach weg.«
»Ich begreife nicht, woher du denn Mut nimmst.«
»Wieso nicht ?«
»Du kannst doch nicht wissen, ob du wieder aufwachst...«
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Figurenkonstellation
Was ist das für ein Ort, in dem die Figuren handeln?
Zunächst fällt auf, dass (bis auf wenige Ausnahmen) alle Figuren in einer Art Mikrokosmos versammelt sind: Das Dörfchen Eschberg beherbergt sie alle. Man wird an die wohlbekannte Lupe auf das kleine gallische Dorf erinnert, die auf den ersten Seiten jedes Asterix-Heftes einen Fokus auf das widerspenstige Runddorf in Gallien ermöglicht. Im Unterschied zu diesem Dorf geht es in Eschberg nicht idyllisch zu: Der Feind kommt nicht von außen, sondern wächst im Innern heran. Von der liebenswerten und funktionierenden Solidarität der Gallier können die Eschberger nur träumen; nein, selbst das können sie nicht. Träume haben sie keine. Ausreißversuche wie die der Seelenzilli werden grausam bestraft, weil nur Vernichtung der Denunziantin das Dorf-System wieder ins Lot bringt. Gewalt in vielfältigen Formen steuert das Leben in Eschberg: Betrug, Demütigung, Folter, Heuchelei, Missbrauch, Missgunst, Mord, Neid, Verrat... - und selbst Gott wird vom Erzähler in die Verbrecherkartei eingereiht.
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Überblick über den Roman: Die Figuren in ihren Bezügen zu ELIAS
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Peter
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Freund, der zu Elias hält(Gadenzeit), der (fast als Einziger) dessen Genie erkennt, ihn bis in seinen Tod begleitet, ihn aber auch benutzt, um seine sadistischen Neigungen ausleben zu können. [...]
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Seff
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Johannes Elias' Vater, wenn auch nicht sein leiblicher. Seff sehnt sich nach einem "normalen" Sohn und versucht die Andersartigkeit von Johannes Elias mit dem Ausdruck"...mit dem Bub ist etwas falsch!" für sich fassbar zu machen. Karg, wie Seff selbst, geht der Erzähler mit der Beschreibung des Vater-Sohn-Verhältnisses um. Immerhin scheint Seff manchmal zu erahnen, dass sein Sohn der väterlichen Sorge bedarf: So in der sehr einfühlsamen Szene, als er "das Kind in seiner fröhlichen Einsamkeit nicht stören" will (Stein-Erlebnis) und in seiner Reaktion auf die mütterlichen Kindsmord-Absichten. Umgekehrt ist er der Mann, den Elias verachten (Mörder) und dem er auch wieder verzeihen kann.
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Seffin
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Elias' Mutter, die ihren missratenen Sohn einfach für zwei Jahre wegsperrt und umbringen lassen will, um ihrer Scham Herr zu werden. Zieht sich von ihrer Mutter-Rolle zurück, überlässt ihre Kinder der Verwahrlosung wegen übermächtiger Schuldgefühle. Dort greift übrigens die dörfliche Solidarität ein: Der Dorflehrer sorgt für die vernachlässigten Kinder. Das scheint eine geübte und selbstverständliche Hilfeleistung zu sein, denn der Erzähler berichtet hier nur in einem Nebensatz davon.
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Kurat Elias Benzer
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Vater des Johannes Elias Alder und weiterer Eschberger Kinder, versucht als geistlicher Hirte seine Gemeinde mit drakonischen Maßnahmen auf den rechten Weg zu bringen. Diese Ereignisse werden dem Leser als Rückblenden mitgeteilt, sie ereignen sich vor Johannes Elias' Geburt. Benzer verunglückt tödlich drei Tage nach der Taufe seines in Sünde gezeugten Kindes (Selbstmord/Unfall?).
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[... Dein Eintrag???]
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